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Grundlagen & Definition

Adipositas im Kindes- und Jugendalter ist definiert als chronische, multifaktorielle Erkrankung, charakterisiert durch eine pathologisch erhöhte Körperfettmasse, die zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führt oder führen kann. Im Kindesalter wird die Diagnose über alters- und geschlechtsspezifische BMI-Perzentilen gestellt, da absolute BMI-Grenzwerte aufgrund des dynamischen Wachstums nicht sinnvoll sind.

Deutsche Definition (Kromeyer-Hauschild et al. 2001, KiGGS): Übergewicht = BMI ≥ P90; Adipositas = BMI ≥ P97; extreme Adipositas = BMI ≥ P99,5. Referenz: Alters- und geschlechtsspezifische Perzentilen für deutsche Kinder. Internationale Vergleiche: IOTF-Grenzwerte (Cole et al.).

BMI-Klassifikation im Kindes- und Jugendalter

Untergewicht
< P3
Normalgewicht
P3 – P89
Übergewicht
P90 – P96
Adipositas Grad I
P97 – P99,4
Adipositas Grad II
P99,5 – P99,9
Extreme Adipositas
> P99,9 / BMI > 40

Pathogenetische Konzepte

Energiebilanz

Positive Energiebilanz (Aufnahme > Verbrauch) über längere Zeit → Fettgewebeakkumulation. Kalorische Dichte moderner Lebensmittel, sitzende Lebensweise als Haupttreiber.

🧬

Genetische Prädisposition

Heritabilität 40–70 %. Polygene Basis bei >95 % aller Fälle (über 1.000 Loci bekannt). Monogene Ursachen in ~2–5 % bei extremer frühkindlicher Adipositas.

🧠

Neuroendokrine Regulation

Hypothalamische Appetitregulation (Leptin-Melanocortin-Achse). Störungen führen zu Hyperphagie. GLP-1, PYY, Ghrelin als periphere Regulatoren. Belohnungssystem (Dopamin).

🦠

Mikrobiom & Epigenetik

Darmmikrobiom beeinflusst Energiegewinnung und Entzündung. Epigenetische Programmierung durch pränatale Exposition (Übergewicht Mutter, GDM), frühkindliche Ernährung.

😴

Schlaf & Stress

Schlafmangel steigert Ghrelin, senkt Leptin → erhöhter Hunger. Chronischer Stress → Cortisol ↑ → viszerale Fettspeicherung. Psychosoziale Belastungsfaktoren relevant.

🏘️

Soziale Determinanten

Niedriger sozioökonomischer Status, Migrationshintergrund, urbane Lebenswelt, Nahrungsmittelumgebung (obesogene Umwelt) als starke Prädiktoren pädiatrischer Adipositas.

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Epidemiologie & Trends

~15 %
Kinder & Jugendliche mit Übergewicht (BMI ≥ P90) in Deutschland (KiGGS 2020)
~6 %
Kinder & Jugendliche mit Adipositas (BMI ≥ P97) in Deutschland (KiGGS 2020)
+50 %
Anstieg der Adipositas-Prävalenz bei Kindern seit den 1980er Jahren in Europa
~70 %
Adipöse Jugendliche bleiben adipös im Erwachsenenalter (Tracking-Effekt)

COVID-19-Effekt: Während und nach der Pandemie (2020–2022) wurde ein signifikanter Anstieg der Adipositas-Prävalenz bei Kindern beobachtet. Ursachen: Bewegungsmangel (Schließung von Schulen/Sport), erhöhter Medienkonsum, Ernährungsveränderungen, psychosoziale Belastung. Dieser Trend ist teilweise reversibel, aber noch nicht vollständig korrigiert.

Soziale Ungleichheit

Adipositas bei Kindern und Jugendlichen ist stark sozial determiniert: Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Familien haben ein 2–3-fach höheres Adipositasrisiko. Migrationshintergrund, beengte Wohnverhältnisse, eingeschränkter Zugang zu gesunden Lebensmitteln und Bewegungsmöglichkeiten sind relevante Risikofaktoren. Präventionsstrategien müssen diese Ungleichheiten adressieren.

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Pathophysiologie

Leptin-Melanocortin-Achse

Die Leptin-Melanocortin-Signalkaskade ist die zentrale neuroendokrine Regulationsachse für Körpergewicht und Energiehomöostase. Leptin wird proportional zur Körperfettmasse vom Fettgewebe sezerniert und wirkt über seinen Rezeptor (LepR) im Hypothalamus, wo es POMC-Neurone aktiviert (→ α-MSH → MC4R-Aktivierung → Sättigung) und AgRP/NPY-Neurone supprimiert. Defekte in jedem Schritt dieser Achse führen zu schwerer Hyperphagie und Adipositas.

Leptin-Melanocortin-Kaskade: Fettgewebe → Leptin → LepR → POMC-Neurone → PCSK1 → α-MSH → MC4R → Sättigung ↑ / Energieverbrauch ↑. Störungen in LEP, LEPR, POMC, PCSK1, MC4R führen zu monogener Adipositas.

Chronische niedriggradige Entzündung

Viszerales Fettgewebe bei Adipositas sezerniert pro-inflammatorische Adipokine (TNF-α, IL-6, Leptin ↑) und weniger anti-inflammatorische (Adiponectin ↓). Dies führt zu einer chronischen, systemischen Entzündungsreaktion, die Insulinresistenz, kardiovaskuläre Erkrankungen, nicht-alkoholische Fettlebererkrankung und weitere Komorbiditäten bedingt.

Insulinresistenz & metabolische Dysfunktion

Ektopische Fettspeicherung in Leber, Skelettmuskel und Pankreas → Insulinsignaling gestört → kompensatorische Hyperinsulinämie → β-Zell-Erschöpfung bei genetischer Prädisposition → Typ-2-Diabetes. Bei Kindern mit Adipositas ist Insulinresistenz ab einem BMI-SDS von +2,5 häufig nachweisbar.

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Klinische Symptome & Komorbiditäten

Adipositas ist keine isolierte Erkrankung, sondern ein systemisches Syndrom mit weitreichenden Auswirkungen auf nahezu alle Organsysteme. Kinder mit Adipositas haben bereits im Schulalter häufig klinisch relevante Komorbiditäten.

METABOLISCHE KOMPLIKATIONEN

  • Insulinresistenz (Acanthosis nigricans als Hautzeichen)
  • Prädiabetes / Typ-2-Diabetes mellitus
  • Nicht-alkoholische Fettlebererkrankung (NAFLD/NASH)
  • Dyslipidämie (↑ TG, ↓ HDL, ↑ LDL-Partikel)
  • Metabolisches Syndrom
  • Hyperurikämie / Gicht (Jugendliche)

KARDIOVASKULÄRE KOMPLIKATIONEN

  • Arterielle Hypertonie (häufig schon im Schulalter)
  • Linksventrikuläre Hypertrophie
  • Subklinische Atherosklerose (erhöhte cIMT)
  • Endotheldysfunktion
  • Obstruktives Schlafapnoe-Syndrom (OSAS)
  • Erhöhte Herzfrequenz in Ruhe

ENDOKRINOLOGISCHE KOMPLIKATIONEN

  • Vorzeitige Pubertät (v.a. Mädchen)
  • Hyperandrogenismus / PCO-Syndrom (Mädchen)
  • Hypogonadotroper Hypogonadismus (Jungen)
  • Schilddrüsenfunktionsstörung (Pseudohypothyreose)
  • Relative GH-Insuffizienz
  • Erhöhtes Cortisolprofil (Pseudo-Cushing)

ORTHOPÄDISCHE KOMPLIKATIONEN

  • Epiphysiolysis capitis femoris (Hüftkopfgleiten)
  • Morbus Blount (Tibia vara)
  • Genu valgum (X-Beine)
  • Plattfuß / Fußdeformitäten
  • Chronische Knie- und Rückenschmerzen
  • Arthrose-Vorläufer im Jugendalter

PULMOLOGISCHE / NEUROLOGISCHE KOMPLIKATIONEN

  • Obstruktives Schlafapnoe-Syndrom (OSAS)
  • Adipositas-Hypoventilationssyndrom (Pickwick)
  • Asthma bronchiale (häufiger/schwerer)
  • Pseudotumor cerebri (idiopathische intrakranielle Hypertension)
  • Tagesschläfrigkeit, Konzentrationsprobleme
  • Reduzierte Belastbarkeit / Dyspnoe

PSYCHOSOZIALE FOLGEN

  • Stigmatisierung, Diskriminierung, Mobbing
  • Depressive Störungen (2–3× erhöhtes Risiko)
  • Angststörungen, soziale Rückzug
  • Negatives Körperbild / geringes Selbstwertgefühl
  • Essstörungen (Binge-Eating-Störung)
  • Schlechtere schulische Leistungen

Komorbiditäten im Überblick

🫀

Hypertonie

~30 % adipöser Kinder; systolisch > P95 für Alter/Größe/Geschlecht

🩸

Dyslipidämie

~40 % erhöhte TG oder erniedrigtes HDL; frühes KHK-Risiko

🫁

NAFLD

~35–50 % der adipösen Kinder; erhöhte Transaminasen; Sonographie-Screening

💉

Insulinresistenz

~30 % Prädiabetes; HbA1c, Nüchternglucose, OGTT ab BMI > P99,5

😴

Schlafapnoe

~20–40 % (polysomnographisch); Tagesmüdigkeit; kardiovaskuläres Risiko

🦴

Orthopädie

Hüftkopfgleiten (Notfall!); Blount-Erkrankung; Schmerzen; Bewegungseinschränkung

🧠

Depression

2–3× erhöhtes Risiko; bidirektionale Beziehung; Stigma als Mediator

♀️

PCOS

~20–40 % adipöser Mädchen post-menarche; Hyperandrogenismus; Infertilität

👁️

Pseudotumor cerebri

Erhöhter intrakranieller Druck; Kopfschmerzen, Sehstörungen; Notfall!

Metabolisches Syndrom im Kindesalter

Definition Metabolisches Syndrom (IDF-Kriterien <16 Jahre): Zentralobesitas (Taillenumfang ≥ P90) PLUS ≥ 2 von: TG ≥ 150 mg/dl · HDL < 40 mg/dl (Jungen) / < 50 mg/dl (Mädchen) · Blutdruck ≥ 130/85 mmHg · Nüchternglucose ≥ 100 mg/dl. Prävalenz bei adipösen Kindern: ~30–50 %.

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Diagnostik

Anthropometrische Diagnostik

  1. BMI-Berechnung & Perzentile BMI = Gewicht (kg) / Körpergröße² (m²). Einordnung in alters- und geschlechtsspezifische Perzentile (Kromeyer-Hauschild 2001). Für Kinder < 2 Jahre: Gewicht/Länge-Index. Verlaufsbeurteilung: BMI-SDS (Standard Deviation Score) für Vergleichbarkeit im Wachstumsverlauf.
  2. Taillenumfang & Waist-to-Height-Ratio (WHtR) Taillenumfang (TU) in Höhe des Bauchnabels oder zwischen unterster Rippe und Beckenkamm. WHtR = TU/Körpergröße; Grenzwert >0,5 als kardiovaskulärer Risikomarker unabhängig von Alter/Geschlecht. Besserer Prädiktor für viszerale Fettmasse als BMI allein.
  3. Körperzusammensetzungsmessung Bioelektrische Impedanzanalyse (BIA): einfach, Schätzung Körperfett. DEXA: Goldstandard für Körperzusammensetzung; Strahlenbelastung gering. MRT/CT: viszerales Fettvolumen; Forschungskontext. Hautfaltendicke (Caliper): einfach, aber untersucherabhängig.
  4. Blutdruckmessung Obligat! Manschettengröße anpassen (wichtig bei Adipositas: zu kleine Manschette → falsch hohe Werte). Beurteilung nach alters-, geschlechts- und größenspezifischen Normwerten. Hypertonie: ≥ P95 bei 3 Messungen zu verschiedenen Terminen.
  5. Klinische Zeichen von Komorbiditäten Acanthosis nigricans (Insulinresistenz; Nacken, Axilla, Leiste), Striae distensae (rasche Gewichtszunahme), Hirsutismus/Akne (PCOS), Gingivahyperplasie, Pseudo-Gynäkomastie. Orthopädische Untersuchung (Gangbild, Knie, Hüfte). Pubertätsstadium (Tanner).

Labordiagnostik

ParameterIndikationZielwert / InterpretationFrequenz
Nüchternglucose Ab BMI ≥ P97, alle Kinder >10 J. mit Adipositas Normal <100 mg/dl; Prädiabetes 100–125; DM ≥126 mg/dl Jährlich
HbA1c Screening Prädiabetes/T2DM, Verlauf Normal <5,7 %; Prädiabetes 5,7–6,4 %; DM ≥ 6,5 % Jährlich
OGTT (oraler Glukosetoleranztest) Bei erhöhtem Nüchternglucose / HbA1c, starker Familienanamnese, Acanthosis 75 g Glucose; 2-h-Wert ≥200 mg/dl = DM; 140–199 = IGT Bei Indikation
Nüchterninsulin / HOMA-IR Insulinresistenz-Quantifizierung; PCOS; klinische Forschung HOMA-IR = (Glucose × Insulin) / 405; >3,0–3,5 = IR bei Kindern Jährlich
Lipidprofil (Nüchtern) Ab BMI ≥ P90, Familienanamnese Dyslipidämie TG <100 mg/dl; HDL >45 mg/dl; LDL <130 mg/dl; Non-HDL <145 mg/dl Jährlich
Leberenzyme (ALT, AST, GGT) NAFLD-Screening ab BMI ≥ P97 ALT <25 U/l (Mädchen) / <22 U/l (Jungen) als kinderspez. Grenzwert Jährlich; bei Erhöhung häufiger
Schilddrüsenwerte (TSH, fT4) Hypothyreose-Ausschluss; TSH oft mild erhöht bei Adipositas (Pseudo-Hypothyreose) TSH 0,5–4,5 mU/l; milde TSH-Erhöhung (<10) ohne fT4-Erniedrigung oft reaktiv Initial; bei Bedarf
Cortisol (24-h-Urin / Speichel) Cushing-Ausschluss bei klinischen Zeichen (Wachstumsstillstand, Striae, Mondgesicht) Cortisol-Tagesprofil; Dexamethason-Suppressionstest bei Verdacht Bei Verdacht
Harnsäure Metabolisches Syndrom, Risikoeinschätzung <6,0 mg/dl; Erhöhung assoziiert mit Hypertonie und IR Jährlich
Androgene (Testosteron, DHEAS, LH, FSH) PCOS-Abklärung bei Mädchen mit Hirsutismus/Akne; Hypogonadismus Jungen PCOS: erhöhtes freies Testosteron / DHEAS; LH/FSH-Ratio > 2 bei PCOS Bei Indikation
Leptin (ggf. Leptinrezeptor) Monogene Adipositas-Abklärung (extrem früh, schwer, Hyperphagie) Erniedrigtes Leptin bei kongenitaler Leptindefizienz; erhöhtes Leptin bei Leptinresistenz Bei Verdacht auf monogene Adipositas
Vitamin D (25-OH) Häufig erniedrigt bei Adipositas (Sequestration im Fettgewebe) Normal > 30 ng/ml; Mangel <20 ng/ml; Substitution empfohlen Jährlich

Bildgebung & weitere Diagnostik

🔊

Abdominalsonographie

NAFLD-Screening (Echogenität der Leber vs. Niere); Gallensteine; Ovarien (PCOS); Nebennierenrinde (Adenom bei Cushing). Erstes Bildgebungsverfahren der Wahl.

❤️

Echokardiographie

Linksventrikuläre Hypertrophie, Wanddicke, systolische/diastolische Funktion. Bei arterieller Hypertonie obligat. Dilatative Kardiomyopathie bei extremer Adipositas möglich.

😴

Polysomnographie

Goldstandard OSAS-Diagnose. Indikation: Schnarchen, Tagesmüdigkeit, Konzentrationsprobleme, beobachtete Apnoen. Bei adipösen Kindern niedrige Schwelle zur Diagnostik.

🦴

Knochenalter (Rö li. Hand)

Häufig beschleunigt bei Adipositas. Differenzierung endokrinologischer Ursachen (Cushing: verzögert). Prognose Endgröße.

🧲

MRT Schädel / Hypothalamus

Bei Verdacht auf hypothalamische Adipositas (nach Kraniopharyngeom, Bestrahlung), Prolaktinom, Cushing-Abklärung. Nicht Routine.

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Bioimpedanzanalyse (BIA)

Nicht-invasive Schätzung Körperfettanteil, fettfreie Masse. Nützlich für Therapiemonitoring. Ungenau bei sehr jungen Kindern und extremer Adipositas.

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Molekulargenetische Diagnostik

Bei der überwältigenden Mehrheit der Kinder mit Adipositas liegt eine polygene, multifaktoriell bedingte Form vor. Monogene und syndromale Ursachen machen zusammen ca. 3–5 % aller Adipositasfälle aus, sind aber in der Gruppe der extrem früh (vor dem 5. Lebensjahr) und schwer (BMI > P99,9) adipösen Kinder mit deutlich höherer Prävalenz (~10–15 %) zu erwarten.

Wann monogene Adipositas abklären? Extremer Übergewichtsbeginn < 5 Jahre · Hyperphagie nicht zu unterdrücken · Positive Familienanamnese für schwere Adipositas · Assoziierte Befunde (Hypogonadismus, Hypocortisolismus, Pigmentstörungen, Entwicklungsverzögerung) · Schlechtes Ansprechen auf konservative Therapie · Verwandte Grad 1 mit bekannter Mutation.

Monogene Adipositas

GenProteinHäufigkeitKlinisches BildErbgangTherapierelevanz
LEP Leptin Sehr selten (<100 Fälle weltweit) Extreme Adipositas ab Geburt, Hyperphagie, Hypogonadismus, Immundefizienz, erhöhte Infektanfälligkeit. Leptin im Serum sehr niedrig/undetektierbar. AR Therapierbar! Metreleptin (Myalept®) – spezifische Leptinersatztherapie mit dramatischem Ansprechen
LEPR Leptinrezeptor Selten (~3 % extreme Adipositas) Wie LEP-Mangel, aber Leptin im Serum erhöht. Hypogonadotroper Hypogonadismus, Wachstumshormon-Mangel, verzögerte Pubertät. AR Setmelanotid (Imcivree®) wirksam (MC4R-Downstream)
POMC Pro-Opiomelanocortin Sehr selten Extreme Adipositas, rote Haare, Nebenniereninsuffizienz (ACTH-Mangel), Hypopigmentierung der Haut. AR (compound-het.) Setmelanotid (Imcivree®) – MC4R-Agonist; ACTH-Substitution obligat
PCSK1 Proprotein Convertase Subtilisin/Kexin Typ 1 Selten Adipositas, Malabsorption (neonatale Diarrhö), Hypogonadismus, Hypocortisolismus, Diabetes insipidus. Erhöhtes Pro-Insulin. AR Setmelanotid möglicherweise wirksam; supportiv
MC4R Melanocortin-4-Rezeptor Häufigste monogene Form (~3–5 % aller schweren Adipositasfälle) Hyperphagie, rasche Gewichtszunahme im Kindesalter, erhöhte Körperlänge im Kindesalter, Hyperinsulinismus. Phänotyp variabler als LEP/LEPR. AD (oft de novo / variable Penetranz) Setmelanotid (MC4R-Agonist) – FDA/EMA-Zulassung 2020/2021. Signifikanter Gewichtsverlust bei homozygoten Varianten; AD-Varianten: individuelle Ansprechen
SH2B1 SH2B Adapter Protein 1 Selten (~0,5–1 %) Schwere Adipositas, Insulinresistenz, Hyperphagie, ggf. Verhaltensauffälligkeiten (Aggressivität). Deletion 16p11.2. AD (Deletion) Keine spezifische Therapie; multimodal
BDNF / NTRK2 Brain-derived neurotrophic factor / TrkB Sehr selten Schwere Adipositas, Hyperphagie, Entwicklungsverzögerung, Verhaltensauffälligkeiten, Gedächtnisprobleme, Hyperaktivität. AD (de novo) Keine spezifische Therapie
KSR2 Kinase Suppressor of Ras 2 Selten (~2–3 %) Adipositas, Hyperphagie, schwere Insulinresistenz, erhöhter Grundumsatz erniedrigt, Bradykardie. AD / AR Metformin-Ansprechen beschrieben; multimodal

Syndromale Adipositas

SyndromGen(e) / LocusSchlüsselbefundeHäufigkeit
Prader-Willi-Syndrom (PWS) 15q11-q13 (paternale Deletion / mat. UPD) Neonatale Hypotonie, Gedeihstörung, Hyperphagie ab ~2 Lj., Kleinwuchs, Hypogonadismus, Entwicklungsverzögerung, Verhaltensauffälligkeiten. Häufigste genetische Ursache extremer Adipositas. 1 : 10.000–15.000
Bardet-Biedl-Syndrom (BBS) BBS1–BBS21 (Ciliopathie) Adipositas, Zapfendystrophie (Nachtblindheit → Erblindung), Polydaktylie, Nierenanomalien, Hypogonadismus, Entwicklungsverzögerung. 1 : 100.000–150.000
Alström-Syndrom ALMS1 Retinale Dystrophie (Zapfen-Stäbchen), Adipositas, T2DM, Kardiomyopathie, Schwerhörigkeit, Kleinwuchs. Kein geistiger Rückstand (diff. zu BBS). <1 : 1.000.000
Cohen-Syndrom VPS13B (COH1) Adipositas (Rumpf), feine Extremitäten, Neutropenie, Netzhautdystrophie, Entwicklungsverzögerung, charakteristische Fazies. Selten
Albright Hereditary Osteodystrophy (AHO) / Pseudohypoparathyreoidismus GNAS1 Runde Gesichtsform, Adipositas, Brachydaktylie, Hypokalzämie/Hyperphosphatämie, Hormonstörungen (PTH-, TSH-, Gonadotropin-Resistenz). 1 : 100.000
WAGR-Syndrom / 11p13-Deletion 11p13 (BDNF-Nähe) Wilms-Tumor, Aniridie, Genitourogenitale Anomalien, Entwicklungsverzögerung. Adipositas bei BDNF-Haploinsuffizienz. Sehr selten
Klinefelter-Syndrom (47,XXY) Chromosom X Hoher Wuchs, kleine Hoden, Hypogonadismus, Adipositas (zentral), Gynäkomastie, erhöhtes metabolisches Risiko. 1 : 600 Männer
Craniopharyngeom (hypothalamisch) CTNNB1 / BRAF (erworben) Hypothalamische Adipositas nach OP/Bestrahlung; Hyperphagie, autonome Dysfunktion; sehr schwer therapierbar. ~0,5–2 / 1 Mio.

Polygene Adipositas – Genetische Landschaft

Bei der häufigen multifaktoriellen Adipositas sind über 1.000 genetische Loci identifiziert (GWAS), die jeweils kleine Effekte auf das Körpergewicht haben. Klinisch relevante Aspekte:

🎯

FTO-Gen

Fat Mass and Obesity associated Gene. Häufigster Risiko-Locus; jedes Risikoallel (rs9939609) erhöht BMI um ~0,3–0,4 kg/m². Biologische Funktion: epigenetische Regulation im Hypothalamus.

📊

Polygenic Risk Score (PRS)

Kombination von Tausenden von Risikovarianten in einem Score. PRS für Adipositas kann künftig Hochrisiko-Kinder früh identifizieren. Noch kein klinischer Standard, aber Forschungsinteresse groß.

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Diagnostisches Adipositas-Panel

NGS-Panel umfasst häufig: LEP, LEPR, POMC, PCSK1, MC4R, MC3R, SH2B1, BDNF, NTRK2, KSR2, ADCY3 und weitere. Indikation: extreme frühkindliche Adipositas mit Hyperphagie.

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Exomsequenzierung

Bei negativem Panel und hochgradigem Verdacht auf monogene Ursache. Trio-Analyse (Patient + Eltern) erhöht Ausbeute. Neue Genkandidaten kontinuierlich beschrieben (ADCY3, DYRK1B, RAB23).

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Differenzialdiagnostik

Obwohl die überwiegende Mehrzahl der Kinder mit Adipositas an der primären (exogenen) Adipositas leidet, müssen sekundäre Ursachen durch klinische Zeichen und gezielte Diagnostik ausgeschlossen werden. Wegweisend sind: Wachstumsstillstand, Kleinwuchs, dysmorphe Zeichen, Hyperphagie ohne behavioralen Kontext.

UrsacheSchlüssel-Unterschied zur primären AdipositasWegweisende Diagnostik
Hypothyreose Wachstumsverzögerung, Kälteintoleranz, Bradykardie, Obstipation, trockene Haut, verlangsamte Reflexe. Gewichtszunahme meist moderat. TSH, fT4 (TSH-Erhöhung >10 mU/l + fT4 erniedrigt). Cave: milde TSH-Erhöhung oft reaktiv bei Adipositas.
Cushing-Syndrom Stammfettsucht mit schlanken Extremitäten, Wachstumsstillstand (!), Striae rubrae, Hypertonie, Muskelschwäche, Mondgesicht, Büffelnacken. Cortisol 24-h-Urin, nächtlicher Speichelcortisol, Dexamethason-Hemmtest, ggf. MRT Hypophyse/NNR.
Insulinom Rezidivierende Hypoglykämien mit Heißhunger → kompensatorisch erhöhte Nahrungsaufnahme. Selten im Kindesalter. Nüchterntest (72 h), Insulin, C-Peptid, Glucose. Bildgebung Pankreas.
Prader-Willi-Syndrom Neonatale Hypotonie, Gedeihstörung, Hyperphagie ab ~2 Lj., Kleinwuchs, Hypogonadismus, typische Fazies, Verhaltensauffälligkeiten. Methylierungsanalyse 15q11-q13 (erste Wahl). FISH, MS-MLPA, SNRPN-Methylierung.
Bardet-Biedl-Syndrom Netzhautdystrophie (Nachtblindheit), Polydaktylie (Anamnese!), Nierenanomalien, Hypogonadismus, Entwicklungsverzögerung. Ophthalmologische Untersuchung, Nierensonographie, Genetik (BBS-Panel), Karyotyp.
Hypothalamische Adipositas Anamnese: OP/Bestrahlung/Trauma im Hypothalamusbereich. Exzessive Gewichtszunahme post-operativ, autonome Dysregulation, Hyperphagie. MRT Schädel, Hormonachsen komplett, Anamnese.
Psychopharmaka-induzierte Adipositas Zeitlicher Zusammenhang mit Medikamentenbeginn. Atypische Antipsychotika (Olanzapin, Clozapin, Quetiapin), Valproat, Lithium, trizyklische Antidepressiva, Steroide. Medikamentenanamnese, Gewichtsverlauf, Glucose/HbA1c/Lipide.
Wachstumshormon-Mangel Kleinwuchs, verzögertes Knochenalter, erhöhter Körperfettanteil, erniedrigte Muskelmasse. IGF-1, IGFBP-3, GH-Stimulationstest (Arginin, ITT), MRT Hypophyse.
Monogene Adipositas (LEP, LEPR, MC4R etc.) Extremer Beginn < 5 Lj., Hyperphagie nicht kontrollierbar, normale oder erhöhte Körperlänge (MC4R), positive Familienanamnese für schwere frühe Adipositas. Leptin im Serum, Adipositas-Genpanel (NGS), ggf. Exomsequenzierung.
Pseudohypoparathyreoidismus (AHO) Adipositas, runde Fazies, Brachydaktylie (v.a. 4./5. Finger), Entwicklungsverzögerung, Hypokalzämie. Kalzium, Phosphat, PTH, GNAS-Methylierungsanalyse.

Klinischer Algorithmus: Adipositas + normales oder gesteigertes Längenwachstum → primäre Adipositas wahrscheinlich. Adipositas + Wachstumsverzögerung/-stillstand → immer sekundäre Ursache ausschließen (Cushing, Hypothyreose, GH-Mangel, Syndrom)! Adipositas + dysmorphe Zeichen → syndromale Abklärung (Chromosomen, gezieltes Gendiagnostik-Panel).

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Therapie

Die Therapie pädiatrischer Adipositas folgt einem multimodalen Stufenkonzept (AGA-Leitlinie, S3 AWMF), das Lebensstilintervention (Ernährung, Bewegung, Verhalten) als Fundament beinhaltet und bei unzureichendem Ansprechen um pharmakologische und ggf. chirurgische Optionen ergänzt wird. Eine ausschließlich diätetische oder pharmakologische Behandlung ohne Verhaltens- und Familienintervention ist nicht zielführend.

Stufe 4: Bariatrische Chirurgie
Jugendliche ab 14–16 J., BMI > 40 oder ≥ 35 mit schweren Komorbiditäten, nach Ausschöpfung aller konservativen Maßnahmen
Selektiv
Stufe 3: Pharmakotherapie
GLP-1-RA (Semaglutid, Liraglutid), Orlistat als Ergänzung zur Lebensstilintervention; bei schwerer Adipositas mit Komorbiditäten
Ergänzend
Stufe 2: Strukturierte multimodale Programme
Ambulante/stationäre Schulungsprogramme (Obeldicks, TAKE5, Strong, MOMO); mit Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenskomponente; Familieneinbindung
Standard
Stufe 1: Basis-Beratung & ambulante Begleitung
Primärversorgung (Pädiater, Hausarzt); Motivational Interviewing; Ernährungsberatung, Bewegungsförderung; Familienorientierung
Basis

Lebensstilintervention – multimodal

Ernährungstherapie

Kein strenges Diätieren! Optimierte Mischkost (OptimiX® des FKE); Reduktion kalorienreicher Getränke (Soft Drinks, Säfte); Steigerung Gemüse/Obst/Vollkorn; Mahlzeitenstruktur; keine Verbote. Familienorientierter Ansatz: alle essen gleich.

Evidenz: Ernährungsberatung allein unzureichend; Integration in multimodales Konzept notwendig.

OptimiX / Optimierte Mischkost

Bewegungstherapie

WHO-Empfehlung: ≥ 60 Min. moderate bis intensive Aktivität/Tag. Reduktion Sitzzeit (< 2 h Bildschirm/Tag). Kraft- und Ausdauertraining. Freude an Bewegung fördern (nicht Leistungsorientierung). Alltagsintegration (Schulweg, Treppensteigen).

Schlüssel: Aktive Teilnahme der Familie; niedrigschwellige Angebote.

Strukturiertes Bewegungsprogramm

Verhaltenstherapie

Kognitiv-behaviorale Ansätze: Selbstmonitoring (Ernährungs-/Bewegungstagebuch), Problemlösetraining, Stimuluskontrolle, Rückfallprävention. Motivational Interviewing als evidenzbasierte Gesprächsführung. Ziele: Verhaltensänderung, nicht kurzfristige Gewichtsreduktion.

KVT-basiert / MI

Familienorientierter Ansatz

Eltern/Erziehungsberechtigte sind zentral! Elterntraining (Erziehungskompetenzen, Strukturierung des Familienalltags), gemeinsame Mahlzeiten, Vorbildfunktion der Eltern. Familiäres Übergewicht häufig: gemeinsame Behandlung der Familie sinnvoll.

Familientherapie / Elterntraining

Schlafhygiene & Bildschirmzeit

Schlafmangel als eigenständiger Risikofaktor. Empfehlung: 9–11 h Schlaf (Schulkinder), 8–10 h (Jugendliche). Geräte im Schlafzimmer: raus. Bildschirmzeit: <2 h/Tag bei Schulkindern. Abendrituale ohne Geräte.

Verhaltensänderung / Schlafprotokoll

Schulungsprogramme (zertifiziert)

Obeldicks (Westfalia): 10–16 J., ambulant, 12 Monate, Evidenz-Basis A. TAKE5: 8–16 J. Strong: ab 4 J. MOMO: stationär. Moby: Säuglinge/Kleinkinder. AGA-Qualitätszertifizierung beachten!

Obeldicks / TAKE5 / Strong / MOMO

Psychologische & psychiatrische Behandlung

Bei komorbiden psychischen Störungen (Depression, Angst, Essstörung, ADHS) ist eine gezielte psychiatrische/psychotherapeutische Behandlung parallel zur Adipositastherapie essenziell. Stigmatisierung aktiv ansprechen und bekämpfen. Körperakzeptanz und Selbstwirksamkeit stärken.

Pharmakotherapie

Grundsatz: Pharmakotherapie ist kein Ersatz für Lebensstilintervention, sondern eine Ergänzung bei unzureichendem Ansprechen auf konservative Maßnahmen. Alle Medikamente haben Nebenwirkungen und müssen bei Beendigung zu weiterem Lebensstilmanagement führen. Kinder und Jugendliche sind eine Sonderpopulation mit begrenzter Datenlage.

MedikamentWirkmechanismusZulassungGewichtsreduktionWichtige NW
Semaglutid (Wegovy®) GLP-1-Rezeptoragonist; Appetizsuppression, verzögerte Magenentleerung USA: ab 12 Jahren (2023). EU: ab 12 Jahren (2023). Subkutan 1× wöchentlich ~16–17 % Gewichtsreduktion in Studien (STEP TEENS) Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen, Pankreatitis-Risiko, thyreoidale C-Zell-Tumoren (tierexperimentell)
Liraglutid (Saxenda®) GLP-1-Rezeptoragonist; täglich s.c. EU/USA: ab 12 Jahren (2020). Höhere Dosierung als Victoza (Diabetes) ~4–5 % Gewichtsreduktion über Placebo (Studien Adoleszente) GI-NW häufig; ähnlich Semaglutid
Orlistat (Xenical®, alli®) Lipasehemmer; Fettmalabsorption ~30 % Ab 12 Jahren (EU/D). Oral 3× täglich ~2–3 % vs. Placebo; begrenzte Wirksamkeit Fettige Stühle, Stuhldrang, fettlösliche Vitaminmangel → Supplementierung nötig
Metformin Biguanid; Insulinsensitizer; off-label bei Adipositas Zugelassen ab 10 J. für T2DM; off-label Adipositas/Prädiabetes, PCOS Geringe Gewichtsreduktion (~1–2 kg); Haupteffekt: Insulinresistenz GI-NW (Dosisteigerung langsam!), Laktatazidose (sehr selten); Vit. B12 langfristig kontrollieren
Setmelanotid (Imcivree®) MC4R-Agonist; spezifisch für Leptin-Melanocortin-Achs-Defekte EU/USA: ab 6 Jahren bei LEPR-, POMC-, PCSK1-Mangel (2020/2021). Erweiterung für BBS/PWS in Prüfung ~10–20 % Gewichtsreduktion bei LEPR/POMC-Defizit; dramatisches Ansprechen bei LEP-Mangel Hyperpigmentierung, Injektionsreaktionen, sexuelle Erregbarkeit ↑; Nausea
Metreleptin (Myalept®) Rekombinantes Leptin; Ersatz bei kongenitaler Leptindefizienz EU/USA: für Leptin-Mangel (LEP-Mutation). Selten, Orphan Drug. Dramatische Gewichtsreduktion bei LEP-Mangel (Normalisierung der Appetitregulation) Antikörperbildung, Infektionen, Lymphome (selten)

Bariatrische & metabolische Chirurgie

Indikationen nach AGA/S3-Leitlinie: BMI ≥ 40 kg/m² ODER BMI ≥ 35 kg/m² mit therapierefraktären schweren Komorbiditäten (T2DM, OSAS, Hypertension, NAFLD-NASH-Zirrhose) · Abschluss des Längenwachstums (i.d.R. ≥ 16 J. bei Mädchen, ≥ 17 J. bei Jungen) · Ausgeschöpfte konservative Maßnahmen (> 12 Monate) · Psychologische und kognitive Eignung · Familiäre Unterstützung · Keine aktive Substanzabhängigkeit oder unbehandelte Psychose.

Sleeve-Gastrektomie

Entfernung von ~80 % des Magens (Schlauchmagenbildung). Kein Fremdmaterial, keine Umleitung des Darms. Effektiver Hunger-Reduzierung (Ghrelin ↓). Standardeingriff in der Jugendchirurgie.

Gewichtsverlust: ~25–30 % EBW in 1 Jahr. Geringe Reversibilität.

Laparoskopische Sleeve-Gastrektomie

Roux-en-Y Magenbypass (RYGB)

Kleiner Magenpouch + Umgehung von Duodenum/Jejunum. Stärkster metabolischer Effekt (T2DM-Remission 60–80 %). Mehr Nährstoffmangel-Risiko; lebenslange Supplementierung nötig.

Gewichtsverlust: ~30–40 % EBW. Höhere Komplexität, mehr NW.

RYGB laparoskopisch

Nachsorge bariatrische Chirurgie

Lebenslange Mikronährstoffsupplementierung (Vit. B12, Fe, Vit. D/Ca, Folsäure, Zink, Cu). Psychologisches Follow-up. Ernährungsberatung. Regelmäßige Laborkontrollen (alle 3–6 Monate im 1. Jahr, dann jährlich).

Langzeitsupplementation obligat

Therapiemonitoring

ParameterFrequenzZiel / Bemerkung
Gewicht, Größe, BMI, BMI-SDSJede Vorstellung (3–6 Monate)Ziel: BMI-SDS-Reduktion um ≥ 0,5 nach 12 Monaten als Mindestansprechen
Taillenumfang / WHtRJede VorstellungMarker viszeraler Fettmasse; sensitiver als BMI für Risikoreduktion
BlutdruckJede VorstellungNormierung nach Alters-/Größen-/Geschlechtsperzentile; Hypertonie behandeln
Glucose, HbA1c, Lipide, Leber (ALT/AST), HarnsäureJährlich (oder häufiger bei Auffälligkeiten)Komorbiditäten frühzeitig erkennen; Therapieerfolg objektivieren
Lebensqualität (KIDSCREEN, PedsQL)JährlichKernoutcome neben Gewicht; psychosoziales Wohlbefinden
Körperzusammensetzung (BIA)Alle 6–12 MonateFettmasse vs. Muskelmasse differenzieren; Therapieanpassung
Psychologisches Screening (PHQ-A, Selbstwert)JährlichDepression, Angst, Essstörung komorbid häufig
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Expertenzentren & Spezialisten

Die Behandlung pädiatrischer Adipositas erfordert ein multidisziplinäres Team aus Pädiatern/Endokrinologen, Ernährungsberatern, Bewegungstherapeuten, Psychologen und ggf. Kinderchirurgen. Die folgenden Zentren sind durch die Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) oder verwandte Institutionen als Schwerpunktzentren bekannt.

Hinweis: Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Personalveränderungen möglich. Aktuelle, zertifizierte Schulungs- und Behandlungszentren: www.aga.adipositas-gesellschaft.de/zentren. Wartezeiten in Spezialzentren können erheblich sein.

🇩🇪 Deutschland
Prof. Dr. med. Thomas Reinehr
Pädiatrische Endokrinologie & Adipositas
Vestische Kinder- und Jugendklinik Datteln
Universität Witten/Herdecke
DATTELN · NRW
Begründer Obeldicks-Programm, Adipositas-Behandlung, Insulinresistenz, metabolisches Syndrom, GLP-1-RA-Studien, AGA-Vorstand
ObeldicksAGAGLP-1
Prof. Dr. med. Martin Wabitsch
Pädiatrische Endokrinologie & Adipositas
Universitätsklinikum Ulm
Sektion Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie
ULM · Baden-Württemberg
Monogene Adipositas (LEP, LEPR, MC4R), Adipositas-Genetik, Setmelanotid-Studien, Fettgewebsbiologie, DAISY-Studie, internationaler Experte
Monogene Adipo.GenetikSetmelanotid
Prof. Dr. med. Johannes Hebebrand
Kinder- und Jugendpsychiatrie & Adipositas
Universität Duisburg-Essen
Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters
ESSEN · NRW
Genetik der Adipositas, MC4R, Essstörungen, Psychopharmakologie, psychiatrische Komorbiditäten
KJPPGenetikEssstörungen
Prof. Dr. med. Susanna Wiegand
Pädiatrische Endokrinologie & Adipositas
Charité – Universitätsmedizin Berlin
Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ) & Adipositas-Zentrum
BERLIN
Adipositas-Therapie Kinder/Jugendliche, metabolisches Syndrom, Adipositas-Prävention, Bariatrie-Vorbereitung, Versorgungsforschung
Adipositas-ZentrumBerlinMetabol. Syndrom
Prof. Dr. med. Rainer Stachow
Stationäre Adipositas-Rehabilitation
Fachklinik Sylt
Deutsches Herzzentrum Schatzalp / Kinder & Jugendliche
SYLT · Schleswig-Holstein
Stationäre multimodale Adipositas-Rehabilitation, MOMO-Programm, psychosomatische Komorbiditäten, Langzeitreha
MOMORehabilitationStationär
Prof. Dr. med. Antje Körner
Pädiatrische Endokrinologie & Adipositas
Universitätsklinikum Leipzig
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, LIFE-Child-Studie
LEIPZIG · Sachsen
Adipositas-Pathogenese, Adipokine, LIFE-Child-Kohorte, Insulinresistenz, Fettgewebsbiologie, GLP-1-Studien
LIFE-ChildForschungAdipokine
Prof. Dr. med. Anja Moß
Pädiatrische Endokrinologie & Adipositas
Universitätsklinikum Ulm
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
ULM · Baden-Württemberg
Adipositas-Therapie, Pharmakotherapie, monogene Adipositas, Setmelanotid, Komorbiditäten, NAFLD
PharmakotherapieMonogen
Prof. Dr. med. Annette Grüters-Kieslich
Pädiatrische Endokrinologie (em.)
Charité – Universitätsmedizin Berlin
ehem. Direktorin Kinder-Endokrinologie
BERLIN
Hypothyreose, Adipositas-Endokrinologie, Cushing, monogene Erkrankungen, NNR, übergeordnete Expertise
EndokrinologieSchilddrüse
PD Dr. med. Katrin Naumann-Bartsch
Pädiatrische Onkologie & Hypothalamische Adipositas
Universitätsklinikum Erlangen
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin (Onkologie)
ERLANGEN · Bayern
Kraniopharyngeom, hypothalamische Adipositas, chirurgische Residuen, GH-Substitution, Lebensqualität nach Tumortherapie
HypothalamusKraniopharyngeom
Prof. Dr. med. Joachim Wölfle
Pädiatrische Endokrinologie
Universitätsklinikum Bonn
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
BONN · NRW
Adipositas, Wachstumsstörungen, Insulinresistenz, Diabetologie, metabolisches Syndrom, Endokrinologie allgemein
EndokrinologieAdipositas
Prof. Dr. med. Michael Kölch
Kinder- und Jugendpsychiatrie
Universitätsklinikum Rostock
Klinik für Psychiatrie, Neurologie, Psychosomatik und Psychotherapie
ROSTOCK · Mecklenburg
KJPP, psychische Komorbiditäten bei Adipositas, Medikamenten-induzierte Gewichtszunahme, Essstörungen
KJPPKomorbiditäten
Prof. Dr. med. Wilfried Kramer
Bariatrische Chirurgie Kinder/Jugendliche
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie
HAMBURG
Bariatrische Chirurgie Adoleszente, Sleeve-Gastrektomie, Magenbypass, Langzeitnachsorge, interdisziplinäres Adipositas-Board
Bariatrische Chir.Sleeve / RYGB
🇦🇹 Österreich
Univ.-Prof. Dr. Daniel Weghuber
Pädiatrische Endokrinologie & Adipositas
Paracelsus Medizinische Privatuniversität (PMU)
Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde, Salzburg
SALZBURG
Pädiatrische Adipositas-Therapie, GLP-1-RA (STEP TEENS Hauptautor), Semaglutid-Studien, metabolisches Syndrom, internationale Forschung ECOG
STEP TEENSECOGGLP-1
Univ.-Prof. Dr. Gabriele Haeusler
Pädiatrische Endokrinologie
Medizinische Universität Wien
Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde (AKH)
WIEN
Endokrinologie, Wachstum, Adipositas bei endokrinen Grunderkrankungen, Turner, PCOS, Pubertätsstörungen
EndokrinologiePCOSWachstum
Dr. med. Katharina Mayer-Böhm
Pädiatrische Adipositas & Ernährungsmedizin
Kepler Universitätsklinikum Linz
Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde
LINZ · Oberösterreich
Multimodale Adipositas-Therapie, Ernährungsberatung, metabolisches Syndrom, Prävention, OÖ-Adipositas-Netzwerk
AdipositasErnährung
Prim. Dr. Thomas Müller
Pädiatrische Gastroenterologie & Hepatologie
LKH Innsbruck
Univ.-Klinik für Pädiatrie
INNSBRUCK · Tirol
NAFLD/NASH bei Adipositas, Lebererkrankungen Kinder, metabolische Erkrankungen, bariatrische Vorbereitung
NAFLDLeberMetabolismus
Dr. med. Edith Schober
Pädiatrische Diabetologie & Adipositas
Medizinische Universität Wien
Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde
WIEN
Typ-2-Diabetes bei Jugendlichen, Adipositas-assoziierter Diabetes, Insulinresistenz, Metformin, GLP-1
DiabetologieT2DMAdipositas
🇨🇭 Schweiz
Prof. Dr. med. Dagmar l'Allemand
Pädiatrische Endokrinologie & Adipositas
Ostschweizer Kinderspital
St. Gallen
ST. GALLEN
Adipositas-Therapie, multimodales Schulungsprogramm, Prader-Willi-Syndrom, endokrine Komorbiditäten, Pubertät
AdipositasPWSSchulungsprogramm
Prof. Dr. med. Jardena Puder
Endokrinologie, Diabetologie & Adipositas
CHUV Lausanne
Service d'endocrinologie pédiatrique et diabétologie
LAUSANNE · Vaud
Pädiatrische Adipositas, Prävention, PCOS, Metabolisches Syndrom, Bewegungsmedizin, Schulinterventionen
PräventionPCOSAdipositas
Prof. Dr. med. Nathalie Jäger-Roman
Pädiatrische Adipositas-Forschung
Universität Zürich
Kinderspital Zürich – Forschungsabteilung Ernährung & Metabolismus
ZÜRICH
Adipositas, Ernährungsforschung, Mikrobiom, frühkindliche Programmierung, Prävention, SPLASH-Studie
ForschungMikrobiomPrävention
Dr. med. Claudia Siberry / Adipositas-Team UKBB
Pädiatrie & Adipositas
Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB)
BASEL
Multimodale Adipositas-Therapie, Schulungsprogramm, Ernährungsberatung, Bewegungstherapie, NAFLD, Komorbidität
AdipositasMultimodalNAFLD
Prof. Dr. med. Kurt Murer
Sportmedizin & Bewegungstherapie Pädiatrie
Universität Zürich
Balgrist Universitätsklinik / Sportmedizin
ZÜRICH
Bewegungstherapie Adipositas, Sportmedizin Kinder/Jugendliche, Krafttraining, körperliche Aktivität, Prävention, Kardiorespiratorische Fitness
SportmedizinBewegungPrävention
Prof. Dr. med. Philipp Nett
Bariatrische Chirurgie
Inselspital Bern
Universitätsklinik für Viszeralchirurgie und Medizin
BERN
Bariatrische Chirurgie auch für Adoleszente, Sleeve, RYGB, metabolische Chirurgie, Langzeitoutcomes, Nachsorge
Bariatrische Chir.Adoleszente

Organisationen, Schulungsprogramme & Ressourcen

🏅

AGA (Deutschland)

Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter. Leitlinien, Zentrensuche, Qualitätszertifizierung. www.aga.adipositas-gesellschaft.de

🌍

ECOG (Europa)

European Childhood Obesity Group. Europäische Leitlinien, Forschung, Kongressorganisation. Kooperation mit IOTF/WHO. www.ecog.eu

📚

Obeldicks-Programm

Deutschlands bewährtestes ambulantes multimodales Schulungsprogramm für 10–16-Jährige (Reinehr/Datteln). 12 Monate, ambulant, evidenzbasiert. www.obeldicks.de

💪

Strong / TAKE5 / MOMO

Weitere AGA-zertifizierte Programme: Strong (jüngere Kinder), TAKE5 (Schulkinder), MOMO (stationär). Bundesweit verfügbar. Über AGA vermittelbar.

🇨🇭

SAPP Schweiz

Schweizerische Arbeitsgruppe für pädiatrische Präventions- und Ernährungsforschung. Schulungsprogramme, Präventionsnetzwerke. www.sapp.ch

🍎

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)

Materialien für Familien, Schulen, Fachkräfte. Präventionsprogramme. www.bzga.de · www.klasse2000.de · www.fit4future.eu

🧬

Rare Obesity Network (RCON)

Netzwerk für monogene und syndromale Adipositas. Zentrenvernetzung, Studienregistrierung (LEP, LEPR, MC4R, BBS, PWS). Koordination Ulm/Leipzig.

💙

Prader-Willi Gesellschaft (D)

Selbsthilfe für Betroffene und Familien mit Prader-Willi-Syndrom. Beratung, Vernetzung. www.prader-willi.de