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Grundlagen & Pathophysiologie

Das kongenitale adrenogenitale Syndrom (AGS) – auch Congenital Adrenal Hyperplasia (CAH) – ist eine Gruppe autosomal-rezessiv vererbter Störungen der Steroidbiosynthese in der Nebennierenrinde. In über 90 % der Fälle liegt ein Defekt der 21-Hydroxylase (CYP21A2) zugrunde, der zu einem Cortisol- und gegebenenfalls Aldosteronmangel bei gleichzeitigem Androgenüberschuss führt.

Pathophysiologisches Kernprinzip: Der Cortisol-Mangel hebt die negative Rückkoppelung auf den Hypothalamus/Hypophysen-Regelkreis auf → exzessiver ACTH-Anstieg → Hyperplasie der Nebennierenrinde → Akkumulation der Cortisol-Vorläufer (insbesondere 17-OH-Progesteron) → Shuntung in die Androgensynthese.

Biosynthese-Pathway

Der Defekt der 21-Hydroxylase blockiert die Umwandlung von 17-Hydroxyprogesteron (17-OHP) zu 11-Desoxycortisol sowie von Progesteron zu Desoxycorticosteron. Die akkumulierten Substrate werden über die ungestörte 17,20-Lyase-Reaktion zu Androgenen (DHEA, Androstendion, Testosteron) umgewandelt.

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Gen

CYP21A2, Chromosom 6p21.3, Pseudogen CYP21A1P in unmittelbarer Nachbarschaft

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Häufigkeit

Klassisch: 1 : 10.000–18.000 Geburten. Non-klassisch: 1 : 200–1.000 (populationsabhängig)

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Enzym

21-Hydroxylase (in >90 % der Fälle). Selten: 11β-Hydroxylase, 3β-HSD, StAR, 17α-Hydroxylase

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Erbgang

Autosomal-rezessiv. Trägerfrequenz ca. 1 : 60 in der europäischen Bevölkerung

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Klassifikation & Formen

Form Restaktivität des Enzyms Cortisol Aldosteron Androgene Häufigkeit
Klassisch – Salzverlust (SW) < 1 % ↓↓ ↓↓ ↑↑ ~75 % aller klass. AGS
Klassisch – Simple Virilisierung (SV) 1–2 % ↑↑ ~25 % aller klass. AGS
Non-klassisch (NCAH / late onset) 20–60 % Häufigste autosom.-rez. Erkrankung
Kryptisch 20–60 % Zufallsbefund bei Familienuntersuchung
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Klinische Symptome

Klassisches AGS – Neugeborenes & Säugling

MÄDCHEN – Genitalbefunde

  • Virilisierung des äußeren Genitales (Prader I–V)
  • Klitorishypertrophie
  • Labioskrotalfusion (partiell bis komplett)
  • Urogenitaler Sinus (gemeinsame Öffnung)
  • Normale innere Genitale (Ovarien, Uterus)
  • Störung der Geschlechtsentwicklung (DSD)

JUNGEN – Genitalbefunde

  • Normale Genitalien bei Geburt
  • Ggf. leichte Hyperpigmentierung des Skrotums
  • Penisvergrößerung (postnatal)
  • Erhöhtes Hodenvolumen
  • Adrenal Rest Tumors (TART) im Erwachsenenalter
  • Diagnose oft erst bei Salzkrise!

⚠ Salzverlust-Krise (SW-AGS): Lebensbedrohlich, meist 1.–4. Lebenswoche. Symptome: Trinkschwäche, Erbrechen, Gewichtsverlust, Lethargie, Tachykardie, Schock. Labor: Hyponatriämie, Hyperkaliämie, Hypoglykämie, metabolische Azidose. Ohne Behandlung letal!

Kleinkind- und Schulalter

Androgenisierungs-Zeichen

  • Vorzeitige Pubarche (Schambehaarung vor 8./9. Lj.)
  • Axillarbehaarung
  • Akne (auch präpubertär)
  • Apokrine Körpergerüche
  • Klitoris-/Penishypertrophie
  • Beschleunigtes Knochenalter

Wachstum & Pubertät

  • Zunächst Großwuchs (Wachstumsbeschleunigung)
  • Verfrühter Epiphysenschluss → Kleinwuchs endgültig
  • Vorzeitige Pseudopubertas praecox
  • Bei Mädchen: sekundäre zentrale Pubertas praecox möglich
  • Reduzierte Endgröße (ohne Therapie)

Non-klassisches AGS (NCAH) – Symptome

Das non-klassische AGS manifestiert sich variabel, oft erst im Kindesalter oder in der Pubertät. Mädchen sind klinisch häufiger symptomatisch als Jungen.

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Mädchen / Frauen

Vorzeitige Pubarche, Hirsutismus, Akne, Oligomenorrhoe, Alopezie, Infertilität, PCO-ähnliches Bild

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Jungen / Männer

Vorzeitige Pubarche, Akne, selten Oligospermie. Häufig asymptomatisch oder Zufallsbefund

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Wachstum

Leicht beschleunigtes Knochenalter, mild reduzierte Endgröße möglich; seltener als beim klassischen AGS

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Labor

17-OHP basal erhöht oder nur nach ACTH-Stimulation pathologisch. Androstendion und DHEAS erhöht

Pubertät & Adoleszenz

Im Jugendalter stehen neben der medizinischen Optimierung der Therapie psychosoziale Aspekte im Vordergrund. Mädchen mit klassischem AGS und genitaler Virilisierung sind besonders vulnerabel für psychische Begleitprobleme, Identitätsfragen und Schwierigkeiten mit Körperbild und Sexualität. Eine multidisziplinäre Begleitung ist essenziell.

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Diagnostik

Neugeborenenscreening

In Deutschland ist das AGS-Screening seit 2005 Teil des erweiterten Neugeborenenscreenings (U2, 36.–72. Lebensstunde). In Österreich seit 2002, in der Schweiz seit 2005.

  1. Screening-Test: 17-OHP im Trockenblut Messung via immunologisches Assay (Fluoroimmunoassay). Grenzwert alters- und gewichtsabhängig. Frühgeborene und kranke Neugeborene haben erhöhte Falsch-Positiv-Rate.
  2. Recall-Test bei positivem Screening Bestätigung mit zweiter Trockenblutprobe oder direktem Serumtest (LC-MS/MS bevorzugt). Zusätzlich: Elektrolyte (Na⁺/K⁺), Glucose, Blutgasanalyse.
  3. Konfirmationsdiagnostik 17-OHP im Serum (Steroid-Profil via LC-MS/MS), Androstendion, Testosteron, Renin, Aldosteron, ACTH-Stimulationstest (falls notwendig).
  4. Molekulargenetik CYP21A2-Genotypisierung zur Bestätigung und Genotyp-Phänotyp-Korrelation.
  5. Bildgebung Sonographie der Gonaden und Nebennieren, ggf. Genitalsonographie; Knochenalter-Röntgen (linke Hand).

Labordiagnostik – Referenzwerte & Befundinterpretation

Parameter Methode SW-AGS SV-AGS NCAH Klinische Bedeutung
17-OHP (basal) LC-MS/MS ↑↑↑ >100 nmol/L ↑↑ 30–100 nmol/L ↑ 3–30 nmol/L Leitparameter; morgens nüchtern messen
17-OHP (ACTH-Test) LC-MS/MS, 60 min nach 250 µg ACTH ↑↑↑ ↑↑ ↑ >10 nmol/L Goldstandard für NCAH-Diagnose
Androstendion LC-MS/MS ↑↑ ↑↑ Therapiemonitoring
Testosteron LC-MS/MS ↑↑ ↑ (variabel) Bei Mädchen bedeutsam für Virilisierung
Renin (aktiv) Immunoassay ↑↑ → / ↑ Mineralokortikoid-Status; Therapiemonitoring
Aldosteron Immunoassay / LC-MS/MS ↓↓ Entscheidend für Salzverlust-Typ
ACTH Plasma, sofort einfrieren ↑↑↑ ↑↑ → / ↑ Rückkopplungsachse; weniger für Monitoring
Na⁺ / K⁺ Serum Na↓ K↑ Akute Krise; regelmäßiges Monitoring SW-AGS
DHEAS Serum Adrenale Androgenproduktion; NCAH-Marker
Cortisol (basal / Stimulation) LC-MS/MS ↓↓ Stressreserve; klinisch relevanter als Basiswert

Bildgebung & weitere Diagnostik

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Sonographie

Nebennieren (Hyperplasie), Ovarien/Testes (Adrenal-Rest-Tumoren = TART bei Jungen), Uterus, Genitalsonographie bei DSD

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Knochenalter

Röntgen linke Hand nach Greulich & Pyle. Monitoring alle 6–12 Monate bei therapierten Kindern. Vorauseilendes Knochenalter = Zeichen unzureichender Suppression

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MRT Nebennieren

Bei Verdacht auf Nebennierenadenom oder Adrenal-Rest-Tumor (TART). NNR-Hyperplasie direkt darstellbar

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Wachstum & Auxologie

Körpergröße, Gewicht, BMI, Pubertätsstadium (Tanner), Endgrößenprognose nach Knochenalter (Bayley-Pinneau)

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Molekulargenetische Diagnostik

Das CYP21A2-Gen liegt auf Chromosom 6p21.3 innerhalb des MHC-Komplexes in unmittelbarer Nähe des inaktiven Pseudogens CYP21A1P. Diese genomische Architektur prädisponiert zu Rekombinationsereignissen, die in den meisten Fällen die Ursache der Mutationen darstellen.

Häufige Mutationen & Genotyp-Phänotyp-Korrelation

Mutation Häufigkeit Restaktivität Phänotyp Mechanismus
Deletion / grosse Konversionen ~25 % < 1 % SW Ungleiche Rekombination
c.293-13C>G (Intron 2) ~25 % < 1 % SW (/ SV) Splicing-Defekt
p.Ile173Asn (I172N) ~15 % 1–2 % SV Missense
p.Glu381Lys cluster (Exon 6) ~15 % 1–2 % SV Missense (Cluster)
p.Val282Leu (V281L) ~10 % 20–50 % NCAH Missense
p.Pro31Leu (P30L) ~5 % 30–60 % NCAH Missense
p.Gln319* (Q318X) ~5 % < 1 % SW Nonsense
p.Arg357Trp (R356W) ~3 % < 1 % SW Missense

Wichtig für die Genotyp-Phänotyp-Korrelation: Da das AGS autosomal-rezessiv vererbt wird, tragen die meisten Patienten compound-heterozygote Mutationen. Der Phänotyp korreliert mit dem milderen der beiden Allele. Bei Widerspruch zwischen Genotyp und klinischem Bild immer an diagnostische Fehler (Pseudogenübertragung, neue Mutationen) denken.

Weitere AGS-Formen (seltene Enzymdefekte)

DefektGenAndrogeneBesonderheit
11β-Hydroxylase-MangelCYP11B1↑↑Hypertonie durch DOC-Akkumulation; 5–8 % aller AGS
3β-Hydroxysteroid-Dehydrogenase-MangelHSD3B2DHEA↑Salzverlust, Genitalambiguität bei beiden Geschlechtern
17α-Hydroxylase-MangelCYP17A1Hypertonie, Hypogonadismus, keine Virilisierung
Lipoid-AGS (StAR-Defekt)STAR↓↓Schwerer Steroidmangel; 46,XY DSD mit weiblichem Phänotyp
P450-Oxidoreduktase-MangelPORvariabelKombinierter 21-OH / 17-OH-Defekt; Antley-Bixler-Syndrom

Diagnostisches Vorgehen Genetik

  1. Targeted Mutationsanalyse (Stufendiagnostik) Zunächst Analyse der häufigsten ~9 Mutationen / Deletionen via MLPA (Multiplex Ligation-dependent Probe Amplification). Erfasst ~95 % der bekannten Mutationen.
  2. Sequenzierung des CYP21A2-Gens Bei negativem oder inkomplettem MLPA-Befund: Sanger-Sequenzierung aller Exons + Intron-Grenzen oder Next-Generation-Sequencing (NGS) Panel.
  3. Long-range PCR / Konversionstestung Bei komplexen Rearrangements: Abgrenzung echter Genmutationen von Pseudogensequenzen. Speziallaboratorien erforderlich.
  4. Familienuntersuchung & genetische Beratung Eltern-Genotypisierung, Heterozygotentest bei Geschwistern, pränatale Diagnostik / Beratung für Folgeschwangerschaften.
  5. Pränatale Diagnostik Bei bekannter Mutation in Familie: Chorionzottenbiopsie (SSW 10–12) oder Amniozentese (SSW 15–18). Pränatale Dexamethason-Therapie nur im Rahmen von Studien/Registern.
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Differenzialdiagnostik

Die Differenzialdiagnose des AGS umfasst je nach Alter und Leitsymptom sehr unterschiedliche Erkrankungen. Besonders wichtig ist die Abgrenzung bei Neugeborenen mit ambiguen Genitale (DSD) sowie bei Kindern mit vorzeitiger Pubarche.

Leitsymptom Differenzialdiagnose Abgrenzung zum AGS
Ambiguität der Genitalien (NG) Komplette/partielle Androgeninsensitivität (CAIS/PAIS), 5α-Reduktase-Mangel, gonadale Dysgenesie, Ovotestikuläre DSD Chromosomales Geschlecht (FISH/SNP-Array), AMH, Steroidprofil, Chromosomenanalyse, Bildgebung (Gonaden)
Salzverlust-Krise NG Hypoaldosteronismus (isoliert), Pseudohypoaldosteronismus Typ I/II, Niereninsuffizienz, Pylorusstenose (kein Na⁺-Verlust), Galaktosämie 17-OHP, Steroidprofil, Aldosteron, Renin, MC-Rezeptor-Genotyp
Vorzeitige Pubarche Idiopathische prämature Pubarche, Pubertas praecox vera, Tumor (NNR, Gonade), exogene Androgenzufuhr, Hypothyreose 17-OHP basal + ACTH-Test, DHEAS, GnRH-Test, Bildgebung (NNR, Gonaden), Schilddrüsenwerte
Hirsutismus / Akne Adoleszenz Polyzystisches Ovarsyndrom (PCOS), idiopathischer Hirsutismus, Cushing-Syndrom, NNR-Tumor, Hyperprolaktinämie 17-OHP, ACTH-Test (NCAH), Dexamethason-Test, LH/FSH, Prolaktin, Cortisol-Tagesprofil, Bildgebung
Beschleunigtes Knochenalter / Großwuchs Pubertas praecox vera (idiopathisch, Tumor, McCune-Albright), familiärer Großwuchs, Hyperthyreose, Growth-Hormon-Überschuss Steroidprofil, GnRH-Test, Schilddrüsenfunktion, IGF-1, Bildgebung
Hypertonie beim Kind 11β-Hydroxylase-AGS, 17α-Hydroxylase-Mangel, Liddle-Syndrom, renale Hypertonie, Phäochromozytom, Cushing Steroidprofil (DOC, 11-Desoxycortisol), Katecholamine, Renin/Aldosteron-Quotient
Adrenale Hyperplasie im Bildgebung NNR-Karzinom, Phäochromozytom, Metastasen, ACTH-abhängiges Cushing, bilaterale Adenome Steroidprofil, Cortisol, ACTH, Katecholamine/Metanephrine, ggf. PET-CT
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Therapie

Die Therapie des AGS verfolgt zwei zentrale Ziele: (1) Substitution des Cortisol-(und ggf. Mineralokortikoid-)Mangels und (2) Suppression der überschießenden ACTH-abhängigen Androgenproduktion. Diese Ziele stehen teilweise im Spannungsfeld: Eine ausreichende Suppression erfordert höhere Glucocorticoid-Dosen, die jedoch wachstumshemmend und metabolisch schädlich sind.

Glucocorticoid-Substitution

Hydrocortison (HC)

Mittel der Wahl im Kindesalter aufgrund der kurzen Halbwertszeit und des physiologischen Cortisol-Profils. Geringere Nebenwirkungen auf Wachstum vs. langwirksame GC.

Dosis: 8–15 mg/m² KOF/Tag in 2–3 Einzeldosen (morgens höher)

Hydrocortison p.o.

Prednisolon / Prednison

Nur bei Nicht-Verfügbarkeit von HC oder im Erwachsenenalter. Stärkere Wachstumssuppression. Nicht empfohlen als Erstlinientherapie im Kindesalter.

Dosis: 2–4 mg/m² KOF/Tag (1× tägl. oder in 2 ED)

Prednisolon p.o.

Dexamethason

Sehr potent, lange HWZ. Nicht im Wachstumsalter einsetzen (ausgeprägte Wachstumssuppression). Reserviert für Erwachsene oder spezielle Situationen.

Dosis Erwachsene: 0,25–0,5 mg/Tag (abends)

Dexamethason p.o.

Chronocort® (Hydrocortison MR)

Retardiertes Hydrocortison (modifiziertes Release). Zirkadianes Cortisol-Profil mit abendlicher Einnahme und nächtlichem Peak. Neu zugelassen für Erwachsene > 18 Jahre.

Dosis: 1× tägl. abends (Dosis individuell titriert)

Hydrocortison retard (Chronocort)

Mineralokortikoid-Substitution (SW-AGS)

Fludrocortison (Astonin H®): Standardtherapie beim Salzverlust-Typ. Dosis: 0,05–0,2 mg/Tag in 1–2 Einzeldosen. Dosisanpassung nach Renin, Elektrolyten und Blutdruck. Säuglinge benötigen oft deutlich höhere Dosen (bis 0,3 mg/Tag). Zusätzliche NaCl-Supplementierung im Säuglingsalter (1–2 g NaCl/Tag) oft erforderlich.

Notfalltherapie: Adrenale Krise

⚠ Medizinischer Notfall – sofortige Behandlung erforderlich!

  1. Sofortmaßnahme: Hydrocortison i.v./i.m. Kinder: 25–50 mg/m² KOF Hydrocortison als Bolus i.v. (alternativ i.m.). Säuglinge: 25 mg, Kleinkinder: 50 mg, Schulkinder/Jugendliche: 100 mg. Anschließend Dauerinfusion 50–100 mg/m²/24h oder wiederholte Bolusgaben alle 6 h.
  2. Volumen- & Elektrolytausgleich NaCl 0,9 % oder Ringer-Acetat: 10–20 ml/kg rasch i.v., dann Erhaltung. Glucose 10 % i.v. bei Hypoglykämie. Ziel: Na⁺ normalisieren, K⁺ senken.
  3. Monitoring Engmaschige Kontrolle Elektrolyte, Glucose, Vitalzeichen, Bewusstsein. Intensivstation oder pädiatrische Überwachungsstation.
  4. Stress-Dosierungsschema (Prävention) Bei Fieber ≥ 38,5 °C: 2–3-fache Tagesdosis HC. Bei schwerem Erbrechen/Durchfall oder chirurgischen Eingriffen: i.v. Substitution. Notfallausweis und i.m.-Injektionsset zu Hause!

Operative Therapie

Mädchen mit klassischem AGS und Grad III–V nach Prader haben in der Regel eine Indikation zur Genitalkorrektur. Zeitpunkt und Ausmaß sind individuell abzuwägen und sollten in hochspezialisierten Zentren erfolgen.

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Klitorisplastik

Reduktion der vergrößerten Klitoris unter Erhalt der Nervenversorgung. Zeitpunkt meist im 1. Lebensjahr (bis 2. Lebensjahr). Kontroverse Diskussion über optimalen Zeitpunkt!

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Vaginoplastik

Eröffnung des urogenitalen Sinus / Separierung der Vagina. Meist um die Pubertät oder danach. Häufig mehrzeitige Eingriffe notwendig.

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Psychosoziale Begleitung

OP-Entscheidung immer mit Eltern UND (je nach Alter) betroffener Person. Einbeziehung von Psychologen, Selbsthilfegruppen (z.B. AGS-Elternhilfe e.V.) ist essenziell.

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Gonadektomie (TART)

Adrenal-Rest-Tumoren bei Jungen (TART): Optimierung der GC-Therapie; bei progredienter Obstruktion selektive chirurgische Therapie möglich.

Therapiemonitoring

ParameterFrequenzZielbereich / Bemerkung
17-OHP (morgens, nüchtern)Alle 3–6 Monate2–10 nmol/L (nicht übersupprimiert!); LC-MS/MS bevorzugt
AndrostendionAlle 3–6 MonateAltersentsprechend normal; sensibler Marker für Übertherapie
Renin (aktiv)Alle 3–6 Monate (SW)Im Normbereich; Erhöhung = unzureichende MC-Substitution
BlutdruckJede VorstellungNormotensiv; Hypertonie = MC-Überdosierung oder HC-Überdosierung
Wachstum & Gewicht / BMIJede VorstellungNormales Längen- und BMI-SDS; GC-Überdosierung → Adipositas, Kleinwuchs
Knochenalter (Rö li. Hand)Alle 12 Monate (Kinder)Knochenalter ≤ Kalenderalter + 1 Jahr als Richtwert
Knochendichte (DXA)Ab Adoleszenz, alle 2–3 J.Z-Score > −2; GC-induzierte Osteopenie möglich
Testosteron / DHEASAlle 6 MonateAltersentsprechend normal; Pubertat beachten
HbA1c / Glucose / LipideJährlich ab 10 JahrenMetabolisches Syndrom-Screening; GC-Langzeiteffekte
Psychosoziales ScreeningJährlichLebensqualität, Compliance, Sexualentwicklung, Schulleistung

Neue Therapieansätze (in klinischer Entwicklung)

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Abirateronacetat (off-label)

CYP17A1-Inhibitor; Reduktion der adrenalen Androgenproduktion. Klinische Studien bei AGS laufend (CARE-AGS-Studie)

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CRF1-Antagonisten

Blockade des CRH-Rezeptors → ACTH-Suppression ohne GC. Frühe klinische Entwicklungsphase

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ACTH-Antikörper (Crinecerfont)

CRF1-Rezeptor-Antagonist. Phase-III-Studie (CAHtalyst pediatric) positiv. FDA-Zulassung 2024 für Erwachsene. Pädiatrische Zulassung in Vorbereitung.

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Gentherapie

Präklinische Studien (AAV-basiert) vielversprechend. Klinische Anwendung noch Jahre entfernt. Kuratives Potenzial

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Expertenzentren & Spezialisten

Die Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit AGS erfordert ein multidisziplinäres Team aus pädiatrischen Endokrinologen, Kinderchirurgen/-urologen, Psychologen, Genetikern und Gynäkologen. Die folgenden Zentren verfügen über ausgewiesene Expertise in der AGS-Behandlung.

Hinweis: Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Personalveränderungen sind möglich. Bitte Angaben vor Kontaktaufnahme aktuell überprüfen. Zentren des Europäischen Referenznetzwerks ENDO-ERN sind besonders empfohlen.

🇩🇪 Deutschland
Prof. Dr. med. Nils Krone
Pädiatrische Endokrinologie & Diabetologie
Universitätsklinikum Leipzig
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
LEIPZIG · Sachsen
AGS, NNR-Erkrankungen, Steroidstoffwechsel, molekulare Endokrinologie
ENDO-ERNAGSGenetik
Prof. Dr. med. Annette Richter-Unruh
Pädiatrische Endokrinologie
St. Josef Hospital Bochum
Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum
BOCHUM · NRW
AGS, DSD, Pubertätsstörungen, Wachstumsstörungen
DSDAGSPubertät
Prof. Dr. med. Felix Reschke
Pädiatrische Endokrinologie & Diabetologie
Kinderkrankenhaus auf der Bult
Hannover
HANNOVER · Niedersachsen
AGS, Nebennierenerkrankungen, Wachstum
AGSNNR
Prof. Dr. med. Paul-Martin Holterhus
Pädiatrische Endokrinologie & DSD-Zentrum
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin I, Campus Kiel
KIEL · Schleswig-Holstein
DSD, AGS, Androgeninsensitivität, molekulare Endokrinologie
DSD-ZentrumAGSENDO-ERN
Prof. Dr. med. Berthold P. Hauffa
Pädiatrische Endokrinologie (em.)
Universitätsklinikum Essen
Klinik für Kinderheilkunde II
ESSEN · NRW
AGS, Wachstumshormontherapie, Hypophysen-Nebennierenachse
AGSWachstum
Prof. Dr. med. Susanne Bechtold-Dalla Pozza
Pädiatrische Endokrinologie & Diabetologie
Ludwig-Maximilians-Universität München
Dr. von Haunersches Kinderspital
MÜNCHEN · Bayern
AGS, NNR, Pubertätsstörungen, Transition ins Erwachsenenalter
AGSTransitionNNR
Prof. Dr. med. Karl Otfried Schwab
Pädiatrische Endokrinologie
Universitätsklinikum Freiburg
Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin
FREIBURG · Baden-Württemberg
Nebennierenerkrankungen, AGS, Adipositas, Diabetologie
AGSNNR
Prof. Dr. med. Roland Pfäffle
Pädiatrische Endokrinologie & Diabetologie
Universitätsklinikum Leipzig
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
LEIPZIG · Sachsen
Hypophysenerkrankungen, NNR, AGS, Wachstum
AGSHypophyse
PD Dr. med. Sabine Heger
Pädiatrische Endokrinologie
Kinderkrankenhaus auf der Bult
Hannover
HANNOVER · Niedersachsen
Pubertas praecox, AGS, NNR, Wachstumsstörungen
PubertätAGS
Dr. med. Dirk Schnabel
Pädiatrische Endokrinologie
Charité – Universitätsmedizin Berlin
Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ)
BERLIN
AGS, Wachstum, Knochenerkrankungen, Rachitis
AGSKnochen
Prof. Dr. med. Olaf Hiort
Pädiatrische Endokrinologie & DSD
Universitätsklinikum Lübeck
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
LÜBECK · Schleswig-Holstein
DSD, AGS, Androgenrezeptor, Sexualentwicklung, ENDO-ERN-Koordinator
DSDENDO-ERNAGS
Prof. Dr. med. Joachim Wölfle
Pädiatrische Endokrinologie
Universitätsklinikum Bonn
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
BONN · NRW
AGS, Wachstumsstörungen, Diabetologie, NNR
AGSWachstum
🇦🇹 Österreich
Univ.-Prof. Dr. Gabriele Haeusler
Pädiatrische Endokrinologie & Diabetologie
Medizinische Universität Wien
Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde (AKH)
WIEN
AGS, DSD, Wachstum, Turner-Syndrom, Pubertätsstörungen
AGSDSDENDO-ERN
Ao. Univ.-Prof. Dr. Edith Schober
Pädiatrische Diabetologie & Endokrinologie
Medizinische Universität Wien
Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde
WIEN
Diabetes mellitus Typ 1, NNR-Erkrankungen, AGS
AGSNNR
Univ.-Prof. Dr. Martin Borkenstein
Pädiatrische Endokrinologie (em.)
Medizinische Universität Graz
Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde
GRAZ · Steiermark
AGS, Wachstumshormon, Schilddrüse, pädiatrische Endokrinologie
AGSWachstum
Prim. Dr. Daniela Freidl
Pädiatrie & pädiatrische Endokrinologie
Kepler Universitätsklinikum Linz
Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde
LINZ · Oberösterreich
Nebennierenerkrankungen, AGS, Neugeborenenscreening
AGSScreening
Dr. Christoph Binder
Pädiatrische Endokrinologie
Medizinische Universität Wien
Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde
WIEN
Neugeborenenstoffwechsel, NNR, AGS, angeborene Stoffwechselerkrankungen
AGSMetabolismus
🇨🇭 Schweiz
Prof. Dr. med. Christa Flück
Pädiatrische Endokrinologie, Diabetologie & Metabolismus
Inselspital Bern
Universitätsklinik für Kinderheilkunde (PEDENDO)
BERN
AGS, NNR, DSD, Steroidbiosynthese, CYP21A2, molekulare Endokrinologie
AGSDSDForschungENDO-ERN
Prof. Dr. med. Eugen Schönle
Pädiatrische Endokrinologie & Diabetologie (em.)
Ostschweizer Kinderspital
St. Gallen
ST. GALLEN
AGS, Wachstumsstörungen, Schilddrüse, Diabetes
AGSWachstum
Dr. med. Dagmar l'Allemand
Pädiatrische Endokrinologie & Diabetologie
Ostschweizer Kinderspital
St. Gallen
ST. GALLEN
AGS, Adipositas, Pubertätsstörungen, Wachstum
AGSPubertät
Dr. med. Katharina Horber
Pädiatrische Endokrinologie
Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB)
BASEL
NNR-Erkrankungen, AGS, Wachstum, Neugeborenenscreening
AGSNNR
Prof. Dr. med. Jardena Puder
Endokrinologie, Diabetologie & Metabolismus
CHUV Lausanne
Service d'endocrinologie pédiatrique
LAUSANNE · Vaud
Pädiatrische Endokrinologie, AGS, Adipositas, NNR
AGSCHUV
Prof. Dr. med. Monika Fluri
Pädiatrische Endokrinologie
Kinderspital Zürich – Eleonorenstiftung
Abteilung Endokrinologie & Diabetologie
ZÜRICH
AGS, NNR, Schilddrüse, Wachstum, Diabetes
AGSZürich

Selbsthilfeorganisationen & Patientenorganisationen

🤝

AGS-Elternhilfe e.V. (D)

Bundesweite Selbsthilfeorganisation für Betroffene und Familien. Informationsmaterial, Beratung, Vernetzung. www.ags-elternhilfe.de

🌐

CARES Foundation (International)

Congenital Adrenal Hyperplasia Research, Education & Support. Englischsprachig. www.caresfoundation.org

📚

ENDO-ERN (EU-Referenznetzwerk)

Europäisches Referenznetzwerk für seltene endokrine Erkrankungen. Zentrensuche unter www.endo-ern.eu

🇩🇪

DGKED / ESPE

Deutsche Gesellschaft für Kinderendokrinologie und -diabetologie (DGKED) / European Society for Paediatric Endocrinology (ESPE). Leitlinien und Expertenregister.