Grundlagen & Hypophysenanatomie
Die Hypophyse (Glandula pituitaria) ist die zentrale endokrine Regulationsdrüse und liegt in der Sella turcica des Os sphenoidale. Sie besteht aus zwei embryologisch unterschiedlichen Anteilen: dem Hypophysenvorderlappen (HVL / Adenohypophyse), der aus dem Ektoderm der Rathke-Tasche entsteht, und dem Hypophysenhinterlappen (HHL / Neurohypophyse), der ein Auswuchs des Hypothalamus ist. Ihre Funktion wird durch das hypothalamische Releasing-/Inhibiting-Hormon-System gesteuert.
Hypophysenvorderlappen – Hormone & Funktionen
Durch GHRH, TRH, CRH, GnRH, TRH stimuliert. Regulation: negativer Feedback der Zielhormon-Achsen.
Synthese im Hypothalamus (Nuclei supraopticus + paraventricularis). Speicherung + Ausschüttung aus HHL.
Übergeordnetes Steuerungszentrum. Verbindung zu HVL via Portalgefäße. Zu HHL via Axone.
Erkrankungsgruppen
Isolierter GH-Mangel (GHD)
Klassifikation GHD: Typ IA (AR; GH1-Deletion → Anti-GH-AK bei Therapiebeginn), Typ IB (AR; GH1/GHRHR-Mutationen), Typ II (AD; GH1-Spleißmutationen), Typ III (X-linked). Idiopathisch (>70 %): strukturell MRT-normal. Organisch: nach Tumor, Bestrahlung, Trauma, Fehlbildung. Neurosekretorische Dysfunktion: normaler GH-Test, aber pathologisches 24-h-GH-Profil.
Idiopathischer GHD
Häufigste Form (>70 %). Strukturell kein Befund im MRT oder kleine Hypophyse/ektoper Neurohypophyse-Spot. Oft familiär (polygenetisch). GH-Stimulationstest: Peak < 7–10 ng/ml.
Organischer GHD
Nach Tumor (Kraniopharyngeom, Gliom), ZNS-Bestrahlung (Dosis >18–24 Gy → GHD), Schädel-Hirn-Trauma, Histiozytose X. Kann Monate bis Jahre nach Ereignis manifest werden.
Genetischer GHD
GH1, GHRHR, PROP1, POU1F1, HESX1, LHX3/4, SOX3. Meist im Rahmen von CPHD. Oft MRT-auffällig (ektoper Neurohypophyse-Spot, kleine Hypophyse, Sella-Hypoplasie).
Neurosekretorische Dysfunktion
Normaler GH-Stimulationstest, aber pathologisch niedrige spontane 24-h-GH-Sekretion. IGF-1 erniedrigt. Klinisch Kleinwuchs + Symptome. Diagnose durch nächtliches Profil (Forschungskontext).
Post-Radiatio GHD
Nach ZNS-Bestrahlung (>18–24 Gy Hypophyse). Dosisabhängig. Latenz Monate bis 10+ Jahre. Jährliches GH-Screening nach Radiatio obligat. Sensitivste Achse: GH. Dann LH/FSH, TSH, ACTH (sequenziell).
Psychosozialer GHD
Funktionelle, reversible GH-Suppression durch Vernachlässigung/Stress. GH normalisiert sich nach Umgebungsverbesserung. Diagnose schwierig (Ausschlussdiagnose). Normaler Wachstum bei Hospi talisierung.
Kombinierter Hypophysenvorderlappeninsuffizienz (CPHD)
CPHD bezeichnet das gleichzeitige Fehlen oder den Mangel mehrerer HVL-Hormone (GH + mindestens ein weiteres). Die häufigste Konstellation ist GH + TSH (+ ggf. LH/FSH + ACTH + PRL). CPHD entsteht durch Mutationen in Transkriptionsfaktoren der Hypophysenentwicklung oder durch destruierende Prozesse (Kraniopharyngeom, Radiatio).
Kritisches Therapieprinzip bei CPHD: Bei gleichzeitigem GH-Mangel und ACTH-Mangel: IMMER zuerst Hydrocortison substituieren, dann erst Schilddrüsenhormon und zuletzt GH einleiten. Beginn von L-T4 ohne vorherige HC-Substitution kann akute Addison-Krise auslösen, da T4 den Cortisolbedarf steigert!
| CPHD-Subtyp nach Genen | Fehlende Hormone | MRT-Befund | Verlauf |
|---|---|---|---|
| PROP1-Mutation (häufigste genetische CPHD) | GH + TSH + PRL (+ LH/FSH + ACTH – progressiv!) | Transienter Hypophysentumor möglich; Hypophyse initial vergrößert, dann atrophisch | Progredient über Jahrzehnte! ACTH-Mangel meist >10 Jahre nach Diagnose |
| POU1F1 (PIT1)-Mutation | GH + TSH + PRL (gonadotrope + adrenale Achse erhalten) | Kleine Hypophyse; normaler/hypoplastischer Stiel | Stabil; kein progressiver Verlauf (anders als PROP1) |
| HESX1-Mutation | Variable: GH ± andere HVL-Hormone ± DI | Septo-optische Dysplasie (SOD): Corpus callosum-Agenesie, Septum pellucidum fehlt, Optikusatrophie | Variable; neurologische + visuelle Beeinträchtigungen |
| LHX3-Mutation | GH + TSH + LH/FSH + PRL (ACTH variabel) | Vergrößerte oder kleine Hypophyse | Assoziiert: kurzer Hals, eingeschränkte Rotation HWS, Taubheit |
| LHX4-Mutation | GH + TSH + ACTH (variabel) | Hypoplastische Hypophyse; ektoper Neurohypophyse-Spot | AD; variable Penetranz |
| SOX3-Mutation | GH (± weitere) | Hypophysenstiel-Verdickung oder -Unterbrechung; ektoper NHP-Spot | X-linked; auch intellektuelle Beeinträchtigung |
| Organisch (Kraniopharyngeom, Radiatio) | GH zuerst, dann alle Achsen sequenziell | Sellaturcica-Raumforderung oder post-OP-Befund | Abhängig von Ausdehnung und Behandlung |
Diabetes insipidus centralis (DI)
ZENTRALE URSACHEN DES DI
- Kraniopharyngeom (häufigste organische Ursache!)
- Germinome (Keimzelltumoren): oft DI als Erstmanifestation!
- Histiozytose X (Langerhans-Zell-Histiozytose)
- Hypophysitis (autoimmun, lymphozytär)
- Traumatisch (Hypophysenstiel-Abriss)
- Post-chirurgisch (Hypophysen-OP)
- Radiatio (Hypothalamus/Hypophyse)
- Idiopathisch (>30 %); cave: häufig initial → Tumor erscheint später!
DIAGNOSTISCHE DIFFERENZIERUNG (DI vs. Polydipsie)
- Polyurie (>150 ml/kg/d Säugling, >2 l/m²/d Kind)
- Urinosmolalität erniedrigt (<300 mosmol/kg)
- Serumosmolalität erhöht (>300 mosmol/kg)
- Durstversuch (Wasserentzugstest): Urinosmolalität bleibt niedrig trotz Dehydration
- Desmopressin-Test: bei zentralem DI: Urinosmolalität steigt um >50 %
- Copeptin (ADH-Surrogat): direkter ADH-Nachweis; neue Methode
Prolaktinom & weitere Hypophysenadenome
Prolaktinom (Mikroadenom/Makroadenom)
Häufigstes Hypophysenadenom im KJ-Alter. Mädchen: Amenorrhoe, Galaktorrhoe. Jungen: Pubertas tarda, Gynokomastie. Diagnostik: Prolaktin ↑, MRT. Therapie: Dopaminagonisten (Cabergolin) erste Wahl.
Kortikotropinom (ACTH-Adenom / Morbus Cushing)
Sehr selten im Kindesalter. Cushing-Symptomatik: Stammfettsucht, Wachstumsstillstand, Hypertonie, Striae. UFC ↑, ACTH ↑. Diagnostik: Dexamethason-Test, MRT, ggf. Felsenbein-Katheter. Therapie: transsphenoidale OP.
Somatotropinom (GH-Adenom)
Extrem selten im Kindesalter. Gigantismus (offene Epiphysen) oder Akromegalie (geschlossene Epiphysen). IGF-1 massiv erhöht. GH nicht supprimierbar im OGTT. MRT. OP (+ ggf. Radiatio + Somatostatinanaloga).
MEN1-assoziierte Adenome
Multiple Endokrine Neoplasie Typ 1 (MEN1-Gen): Hypophysenadenom + Nebenschilddrüsen + Pankreas-NETs. Bei Jugendlichen mit Prolaktinom / GH-Adenom: MEN1 ausschließen! Familiäre Anamnese wichtig.
Kraniopharyngeom
Das Kraniopharyngeom (KPG) ist ein seltener, embryonal bedingter Hirntumor der Sellaregion, der aus Resten der Rathke-Tasche entsteht. Obwohl histologisch benigne (WHO Grad I), führt er durch seinen Wachstumsort (Hypothalamus, Hypophysenstiel, Sehnerven) zu schwerwiegenden Langzeitfolgen und stellt eine der therapeutisch herausforderndsten pädiatrischen Tumorerkrankungen dar.
Typen des Kraniopharyngeoms
Adamantinomatöses Kraniopharyngeom (ACP)
Häufigkeit: ~95 % im Kindesalter · ~60 % gesamt
Genetik: CTNNB1-Mutationen (β-Catenin, aktivierend, Exon 3). Nukleäre β-Catenin-Akkumulation → Wnt/β-Catenin-Überaktivierung. Somatische, nicht keimbahnvererbte Mutation.
Morphologie: Zystisch-solider Tumor mit Verkalkungen (Röntgen!), cholesterin-reichem Zysteninhalt (Maschinenöl-ähnlich), Epithelwucherungen (Palisaden-Epithel).
Verhalten: Invasiv, aggressives lokales Wachstum in Hypothalamus. Hohe Rezidivrate nach OP (~50 %). Typisch für Kinder.
Papilläres Kraniopharyngeom (PCP)
Häufigkeit: ~5 % im Kindesalter · ~40 % gesamt (Erwachsene!)
Genetik: BRAF V600E-Mutation (fast 100 %!). Aktivierung des RAS/MAPK-Signalweges. Kein β-Catenin. Somatische Mutation.
Morphologie: Überwiegend solid, selten zystisch. Keine Verkalkungen. Pseudopapilläres squamöses Epithel. Klar abgegrenzt vom Umgebungsgewebe.
Verhalten: Weniger invasiv als ACP. Bessere chirurgische Resektabilität. Selten bei Kindern.
Hypothalamische Adipositas – Schlüsselkomplikation
Hypothalamische Adipositas (HA): Die schwerste Langzeitkomplikation des Kraniopharyngeoms. Entsteht durch Schädigung hypothalamischer Sättigungszentren (Nucleus ventromedialis, Nucleus arcuatus) → zentrale Insulinresistenz + Leptinresistenz + reduzierter Grundumsatz + Hyperinsulinismus. Rasante Gewichtszunahme, oft 20–40 kg in Monaten nach OP. Therapie äußerst schwierig. Oktreotid, Metformin, Semaglutid in Studien. Bariatrie als letzte Option.
Hypothalamischer Schaden
Direkte Infiltration oder chirurgische Schädigung des Hypothalamus. Sättigungsregulation defekt. Autonomes Nervensystem gestört. Keine Verhaltensänderung allein ausreichend. Hypothalamusschadens-Graduierung (HH-Score) prognostisch.
Hyperinsulinismus bei HA
Vagotone Überaktivität → Hyperinsulinismus → Adipogenese ↑. Oktreotid (Insulinsuppression) in Studien: signifikante Gewichtsreduktion bei einigen Patienten. GLP-1-RA in klinischen Studien vielversprechend.
Epidemiologie HA nach KPG
~50–60 % der KPG-Patienten entwickeln HA. BMI-SDS median +3–5 nach OP. Metabolisches Syndrom: Insulinresistenz, Hypertonie, Dyslipidämie. Massive Beeinträchtigung der Lebensqualität.
HH-Score (Hypothalamus-Schaden)
MRT-basierter Score: Grad 0 (kein Hypothalamus-Kontakt), Grad I (Tumorverschiebung), Grad II (Infiltration). Grad II → hohes Risiko HA >80 %. Entscheidend für Therapiestrategie (primäre Radiatio vs. OP).
Klinische Symptome
Hypophysenvorderlappeninsuffizienz – Symptome
GH-MANGEL (GHD)
- Kleinwuchs (Hauptsymptom); Wachstumsstillstand
- Kindlich-rundes Gesicht (Puppengesicht)
- Erhöhter Körperfettanteil (truncal)
- Reduzierte Muskelmasse
- Mikropenis (Neugeborenes)
- Neonatale Hypoglykämien (GHD + ACTH-Mangel)
- Verzögerter Zahndurchbruch
- Knochenalter retardiert
ACTH-MANGEL (SEKUNDÄRE NNR-INSUFFIZIENZ)
- Müdigkeit, Schwäche, Antriebslosigkeit
- Hypoglykämien (besonders bei Neugeborenen/Säuglingen)
- Hypotonie, Hypotension
- Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen
- Hyponatriämie (SIADH-ähnlich)
- Bradykardie
- KEINE Hyperpigmentierung (Aldosteron erhalten)
- Addisonkrise bei Stress/Fieber möglich!
TSH-MANGEL (ZENTRALE HYPOTHYREOSE)
- Müdigkeit, Kälteempfindlichkeit
- Wachstumsverzögerung
- Obstipation
- Trockene Haut
- Verlangsamte Reflexe
- Cave: TSH oft nicht erhöht (zentral)!
- fT4 erniedrigt bei normalem TSH
- Diagnoseprinzip: fT4 messen, nicht nur TSH!
GONADOTROPIN-MANGEL (LH/FSH)
- Fehlende/verzögerte Pubertätsentwicklung
- Primäre Amenorrhoe (Mädchen)
- Kryptorchismus, Mikropenis (Jungen, neonatal)
- Infertilität
- Osteoporose (Östrogendefizit)
- Mini-Pubertät fehlt → Diagnosehinweis beim Säugling
PRL-MANGEL / -ÜBERSCHUSS
- PRL-Mangel: Stillversagen nach Entbindung (Frauen)
- PRL-Überschuss (Prolaktinom / Hypophysenstielverletzung): Galaktorrhoe, Amenorrhoe, Pubertas tarda
- Hypophysenstielabriss → Stalk Effect: PRL ↑ (Dopamin-Transport unterbrochen)
- Prolaktin als erster Indikator für Hypophysenstiel-Beteiligung
PANHYPOPITUITARISMUS – NEONATAL
- Prolongierte Neugeborenengelbsucht
- Rezidivierende Hypoglykämien
- Mikropenis + Kryptorchismus (Jungen)
- Trinkschwäche, Gedeihstörung
- Polyurie/Polydipsie (DI möglich)
- Sofortige Diagnostik + Substitution lebensrettend!
- Diagnose: Neonat. Screening + Hormonstatus + MRT
Diabetes insipidus centralis – Symptome
Polyurie / Polydipsie
Leitsymptom. Urinmenge >4 ml/kg/h. Bevorzugt kaltes Wasser. Nykturie, Enuresis. Ausgeprägte Flüssigkeitsaufnahme (>3–4 l/d). Rasche Dehydration bei Trinkverweigerung.
Hypernatriämie bei Dehydration
Rascher Anstieg bei unzureichender Flüssigkeitszufuhr (Erbrechen, Operationen, Anästhesie). Koma, Krampfanfälle, Hirninfarkt möglich. Schnelle Korrektur gefährlich (Hirnödem bei zu schneller Senkung).
DDAVP-Abhängigkeit
Unter Therapie: osmotischer Durst fehlt → Überdosierungsrisiko → Hyponatriämie. Therapiedurchbrüche (Krankheit, Fieber) → Hypernatriämie. Enger Spielraum; regelmäßige Serumnatrium-Kontrollen.
Germinome – DI als Erstzeichen!
~30–50 % der Germinome präsentieren sich mit zentralem DI als einzigem Symptom, bevor Tumor im MRT sichtbar! Bei idiopathischem DI: MRT alle 6 Monate für 2 Jahre + Tumormarker (AFP, β-HCG) im Liquor!
Kraniopharyngeom – Klinische Manifestationen
ERHÖHTER HIRNDRUCK (Erstsymptom ~90 %)
- Kopfschmerzen (morgens, nüchtern; oft erster Hinweis)
- Übelkeit / Erbrechen (insbesondere morgens)
- Sehstörungen (Visus ↓, Gesichtsfelddefekte)
- Papillenödem (Ophthalmoskopie!)
- Hydrozephalus (Liquorzirkulationsstörung)
- Kognitive Verlangsamung, Konzentrationsstörungen
- Wesensveränderungen, Persönlichkeitsveränderungen
VISUELLER SYSTEM (häufig!)
- Gesichtsfelddefekte (bitemporale Hemianopsie = klassisch!)
- Visusminderung (bis Blindheit)
- Optikusatrophie (chronische Kompression)
- Chiasma opticum-Kompression
- Augenmuskelparesen (selten, bei Kavernöser Sinus-Beteiligung)
- Nystagmus
ENDOKRINE SYMPTOME (oft verzögert erkannt!)
- Wachstumsverzögerung/Kleinwuchs (GHD)
- Diabetes insipidus (%>50 %)
- Verzögerte / fehlende Pubertät
- Hypothyreose-Symptome
- Zeichen des ACTH-Mangels (Schwäche, Hypoglykämie)
- Hypothalamische Adipositas (prä- und postoperativ)
- Thermowregulationsstörungen
HYPOTHALAMISCHE SYMPTOME
- Adipositas (hypothalamisch, rasch progredient)
- Schlafstörungen (Tag-Nacht-Umkehr)
- Thermoregulationsstörung (Poikilothermie)
- Gedächtnisstörungen (Mammillarkörper-Beteiligung)
- Emotionale Dysregulation
- Hypomobilität (Motivationsverlust, Apathie)
- Hyperphagie ohne Sättigungsgefühl
Diagnostik
- Klinische Untersuchung & Wachstumskurvenanalyse Körpergröße, Gewicht, BMI. Wachstumskurvenknick (GHD: Abfall SDS). Sehtest (Visus, Gesichtsfeld – Perimetrie!). Tanner-Stadien. Ophthalmoskopie (Papillenödem bei Hirndruck). Hydratationsstatus. Neurologische Untersuchung.
- Hormonelles Basisprofil (Hypophysen-Achsen-Screening) IGF-1 (GH-Achse), IGFBP-3. TSH + fT4 (zentrale Hypothyreose: TSH normal, fT4 ↓!). Cortisol morgens (8:00 Uhr) + ACTH. LH, FSH, Östradiol/Testosteron (je nach Alter). Prolaktin. ADH/Copeptin + Osmolalität Serum/Urin (DI).
- GH-Stimulationstests (bei GHD-Verdacht) Zwei Tests mit verschiedenen Stimuli (ITT; Arginin ± GHRH; Glucagon; Clonidin). Grenzwert: GH-Peak <7–10 ng/ml (assay-abhängig!). ITT = Goldstandard (Kontraindikationen beachten). Bei organischem GHD: nach Tumorbehandlung warten (6 Monate) und GH-Test wiederholen. Sexualhormon-Priming in Peripubertät obligat.
- MRT Hypothalamus / Hypophyse (obligat!) T1-sagittal + koronar ± Gadolinium. T2-Sequenzen. Stellarium (HVL-Größe, HHL-heller Spot, Stiel). Kraniopharyngeom: zystisch-solid mit Verkalkungen (CT sensitiver für Verkalkungen!). Germinome: solide, Kontrastmittel-Aufnahme. Ektoper HHL-Spot = Hinweis auf genetischen CPHD. Immer vor Stimulationstests!
- Wasserentzugstest / Durstversuch (DI-Diagnostik) Stationär, engmaschige Überwachung (RR, Puls, Gewicht, Natrium, Osmolalität). Ende: Serumosmolalität >295 mosmol/kg oder Gewichtsverlust >5 %. Dann Desmopressin-Gabe: Urinosmolalität-Anstieg >50 % = zentraler DI. Alternativ: Copeptin-Stimulationstest (hypertoner NaCl 3 % i.v.) – genauer, weniger Dehydrationsstress.
- Ophthalmologische Diagnostik Visus (Snellen-Tafel). Perimetrie (Goldman oder Humphrey-Perimetrie): Gesichtsfeld. Fundus (Papillenödem, Optikusatrophie). OCT (Retinale Nervenfaserschicht-Dicke bei Optikusatrophie). Schielstatus. Obligat bei jeder sellären Raumforderung.
- CT Schädel (für Verkalkungen) CT ohne Kontrastmittel sensitiver als MRT für Tumorverkalkungen (ACP: Verkalkungen in ~90 %). Wichtig für Planung der Radiosurgery und für Differenzierung von anderen Kalzifizierungen (Rathke-Zyste, Meningeom).
- Liquordiagnostik (bei Germinomverdacht) AFP und β-HCG in Serum und Liquor (Lumbalpunktion). Bei idiopathischem DI: Tumormarker alle 6 Monate für 2 Jahre (Germinome entwickeln sich langsam, initiales MRT kann negativ sein!). Hypophysitis-Antikörper.
Labordiagnostik – Vollständiges Hormonpanel
| Parameter | Methode | Zeitpunkt | Interpretation bei CPHD | Therapierelevanz |
|---|---|---|---|---|
| IGF-1 (SDS für Alter/Geschlecht) | Immunoassay | Nüchtern, morgens | ↓ bei GHD. Normal bei partieller GHD oder frühem organischem GHD. | Screening + GH-Therapiemonitoring. Unter GH: Ziel 0 bis +2 SDS. |
| TSH + fT4 (zentrale Hypo!) | ECLIA | Morgens | Zentrale Hypo: TSH normal/niedrig + fT4 ↓! TSH allein reicht NICHT. | fT4 als Therapieziel (oberes Drittel Normbereich). TSH nicht verwertbar! |
| Cortisol 8:00 Uhr + ACTH | ECLIA / IRMA | 08:00 Uhr Morgens | Cortisol <80–100 nmol/l = Insufiizienz wahrscheinlich. ACTH erniedrigt = zentral. | Hydrocortison-Substitution ZUERST vor L-T4 und GH beginnen! |
| Insulin-Toleranztest (ITT) | Glukose + Cortisol + GH-Kinetik | Stationär, nüchtern | GH-Peak <7–10 ng/ml = GHD. Cortisol-Peak <500 nmol/l = ACTH-Mangel. | Goldstandard für GHD + ACTH-Mangel. KI: Epilepsie, Herzerkrankung, Kinder <8 J. |
| LH, FSH, Östradiol / Testosteron | Immunoassay | Je nach Pubertätsstatus | Erniedrigt bei Gonadotropinmangel. LH/FSH zusätzlich erniedrigt oder niedrig-normal. | Pubertätsinduktion (Östrogen/Testosteron) bei Gonadotropinmangel |
| Prolaktin | ECLIA | Nüchtern (Stressvermeiden!) | ↑ bei Hypophysenstielabriss/Kompression (Stalk effect) oder Prolaktinom; ↓ bei PRL-Mangel | Prolaktinom: Dopaminagonist. DI + PRL-↑ → Stalk-Verletzung → DI! |
| Serumnatrium + Osmolalität | ISE / Osmometrie | Morgens nüchtern | Hypernatriämie = DI. Hyponatriämie = SIADH oder sekundäre NNR-Insufiizienz | Desmopressin-Dosierung; Na-Monitoring täglich in akuter Phase |
| AFP + β-HCG (Serum + Liquor) | ECLIA | Bei DI oder Mittelhirntumor-Verdacht | Erhöhte Tumormarker = Keimzelltumor! Germinome: β-HCG leicht erhöht; AFP normal | Bei DI immer ausschließen! Liquor-Punktion wenn Serum erhöht oder DI persistiert |
| Knochendichte (DXA) | Dual-Röntgen-Absorptiometrie | Bei Diagnose; dann alle 2 Jahre | Osteoporose bei GHD + Hypogonadismus + Cortisol-Übersubstitution | GH + Östrogen/Testosteron-Substitution verbessern Knochendichte |
MRT Hypophyse – Schlüsselbefunde
Ektoper Neurohypophysen-Spot
T1-hyperintenses Signal normalerweise im HHL. Bei Hypophysenstielverletzung/-aplasie: HHL-Spot erscheint ektopisch am Hypothalamus oder Stielende. Häufigster MRT-Befund bei genetischem GHD/CPHD (PROP1, SOX3, LHX3).
Kraniopharyngeom-MRT
Zystisch (T2-hyperintens, flüssig), solid (isointens), mit Verkalkungen (CT!). Suprasellär mit hypothalamischer Ausdehnung. Kontrastmittel: solider Anteil + Zystenwand enhancement. HH-Score bestimmen!
Rathke-Spaltzyste
Intra- oder suprasellär. Glatt begrenzt, dünnwandig. T1-variabel (Proteingehalt), T2-hyperintens. Kein Enhancement. Meist asymptomatisch. Differenzierung von KPG durch MRT + ggf. BRAF-Nachweis im OP-Material.
Germinome (Pineal/Suprasellär)
Oft bifokale Lage (Pinealregion + Suprasella). T1 iso-hypointens, T2 variabel. Starkes KM-Enhancement. Oft sehr kleiner Tumor trotz DI! Tumormarker (β-HCG, AFP) im Liquor. Hypophysenstiel-Verdickung als frühes Zeichen.
Hypophysitis
Entzündliche Hypophysenvergrößerung. Lymphozytäre (autoimmun), granulomatöse (Sarkoidose, TB), IgG4-assoziierte Hypophysitis. Homogenes Enhancement. Hypophysenstiel verdickt. Differenzierung durch Biopsie oder klinischen Verlauf.
Septo-Optische Dysplasie (SOD)
HESX1-Mutation, De-Morsier-Syndrom. Fehlendes Septum pellucidum + Optikusatrophie/-hypoplasie + Hypopituitarismus. MRT zeigt fehlende Mittellinienstrukturen. Variable Ausprägung (nicht alle 3 Komponenten notwendig).
Molekulargenetik
Hypophysenentwicklungsstörungen entstehen durch Mutationen in Transkriptionsfaktoren, die die normale Differenzierung der Hypophysenvorläuferzellen steuern. Diese Gene werden sequenziell in der embryonalen Hypophysenentwicklung exprimiert und erklären die Phänotypen von isoliertem GHD bis zum Panhypopituitarismus. Das Kraniopharyngeom hingegen entsteht durch somatische Mutationen in gut charakterisierten Onkogenen.
Gene der Hypophysenentwicklung – GHD & CPHD
| Gen | Protein / Funktion | Phänotyp | Erbgang | MRT-Befund | Assoziierte Befunde |
|---|---|---|---|---|---|
| PROP1 | Prophet of Pit-1; früher Transkriptionsfaktor für Pit1-Linie (GH, TSH, PRL, FSH, LH) | CPHD: GH + TSH + PRL progressiv; LH/FSH + ACTH folgen über Jahre/Jahrzehnte | AR (häufigste genetische CPHD-Ursache) | Initial vergrößertes Adenom-ähnliches Gewebe → später atrophische Hypophyse. Kein ektoper HHL-Spot. | Keine extraendokrinen Befunde. Progrediente Insuffizienz überwachen! |
| POU1F1 (PIT1) | Pituitary-specific transcription factor 1 (Pit1); HVL-Zelldifferenzierung (GH, TSH, PRL-Zellen) | CPHD: GH + TSH + PRL-Mangel (LH/FSH + ACTH erhalten – stabile Form!) | AR oder AD (heterozygote dominant-negative Mutationen) | Kleine oder normale Hypophyse | Keine extraendokrinen Befunde. Stabiler Verlauf (kein Progress wie PROP1) |
| HESX1 | Homeobox Expressed in ES Cells; frühester Hypophysentranskriptionsfaktor; Entwicklung vorderes Gehirn | Variable: GHD allein bis CPHD; auch DI möglich; Septo-optische Dysplasie (SOD) | AR (homo) = schwerer; AD (hetero) = milder, variable Penetranz | SOD: fehlendes Septum pellucidum + Optikusatrophie + Hypopituitarismus | Optikusatrophie, Sehstörungen, Entwicklungsverzögerung bei SOD |
| LHX3 | LIM homeobox 3; HVL-Entwicklung + Motorik Hirnstamm | CPHD: GH + TSH + LH/FSH + PRL (ACTH variabel). Keine ACTH-Substitution nötig, aber überwachen | AR | Variable (vergrößert bis atrophisch) | Kurzer Hals, eingeschränkte Rotation (Halswirbelsäule!), Schwerhörigkeit (Innenohr) |
| LHX4 | LIM homeobox 4; HVL-Entwicklung + Kleinhirnentwicklung | GHD + TSH + ACTH (variabel). Milderes Bild als LHX3 | AD (variable Penetranz) | Hypoplastische Hypophyse, ektoper HHL-Spot, abnormer Stiel. Ggf. Kleinhirn-Anomalie | Kleinhirnanomalien beschrieben |
| SOX3 | SRY-related HMG-box 3; Entwicklung Hypophysenstiel + HHL | GH-Mangel (± TSH ± andere HVL-Achsen). Milde bis moderate CPHD | X-linked (Jungen häufiger betroffen) | Hypophysenstiel-Anomalie, ektoper HHL-Spot, vergrößerter Hypophysenstiel oder -aplasie | Intellektuelle Beeinträchtigung in einigen Fällen. Duplicationen von SOX3 bei Jungen |
| GH1 | Wachstumshormon 1 (GH-Peptid selbst) | Isolierter GHD (Typ I–IV). Typ IA: GH1-Deletion → schwerer GHD, Anti-GH-AK nach Therapiebeginn | AR (Typ IA/IB) / AD (Typ II) / X-linked (Typ III) | Kleine Hypophyse; ektoper HHL-Spot möglich | Typ IA: Anti-GH-Antikörper entwickeln sich → GH-Therapie unwirksam |
| GHRHR | GH-Releasing-Hormon-Rezeptor; Stimulationsrezeptor auf Somatotropen | Schwerer isolierter GHD (Typ IB). Mikropenis, Hypoglykämien NG | AR | Kleine Hypophyse | Häufig in isolierten Populationen (Dorf-Isolation: "little women of Itapaci", Brasilien) |
| AVPR2 / AVP (Vasopressin) | ADH/Vasopressin-Rezeptor (V2R) bzw. ADH selbst | Zentraler oder nephrogener Diabetes insipidus (DI) | X-linked (AVPR2: nephrogen) / AD oder AR (AVP: zentral) | Fehlendes HHL-Hyperintensitäts-Signal im T1-MRT | Zentral: Wolframin-Syndrom (WFS1: DI + Diabetes + Optikusatrophie + Taubheit) |
Kraniopharyngeom – Somatische Mutationen
Wichtig: Kraniopharyngeom-Mutationen sind somatisch (nicht keimbahnvererbt). Es gibt kein erhöhtes Familienrisiko. Die genetische Diagnostik dient der Typisierung (ACP vs. PCP) und hat therapeutische Konsequenzen (BRAF-Inhibitor bei PCP).
| Gen / Mutation | Pathway | KPG-Typ | Häufigkeit | Therapeutische Relevanz | Diagnostik |
|---|---|---|---|---|---|
| CTNNB1 (β-Catenin) | Wnt/β-Catenin-Signalweg | Adamantinomatöses KPG (ACP) | ~60–90 % der ACP | Wnt-Inhibitoren in Entwicklung (präklinisch). WNT-Pathway-Analyse für Prognose | IHC (nukleäre β-Catenin-Akkumulation), Exon-3-Sequenzierung |
| BRAF V600E | RAS/MAPK-Signalweg (RAF → MEK → ERK) | Papilläres KPG (PCP) | ~95–100 % der PCP | BRAF-Inhibitor (Vemurafenib/Dabrafenib) + MEK-Inhibitor (Trametinib): beeindruckende Tumorkontrolle bei PCP! Fallberichte + Phase-2-Studien. Mögliche Alternative zu Radiochirurgie | IHC (BRAF V600E-spezifischer AK VE1), NGS oder Allel-spezifische PCR |
| CDH1 (E-Cadherin) | Zell-Adhäsion | ACP | Selten; meist co-mutiert mit CTNNB1 | Keine direkte Targetierbarkeit bekannt | Sequenzierung im Rahmen Paneldiagnostik |
Diagnostisches Stufenkonzept Genetik
- MRT zuerst – strukturelle Ursache ausschließen Bei jedem Kind mit GHD oder CPHD: MRT vor Genetik. Organische Ursache (KPG, Gliom, Germinome) ausschließen. MRT bestimmt auch, ob ektoper HHL-Spot vorhanden (Hinweis auf genetische Ursache).
- CPHD-Panel (NGS) bei genetischem Verdacht Bei: CPHD ohne strukturellen Befund im MRT / Ektopem HHL-Spot / Familienanamnese / Extraendokrine Befunde (Optikusatrophie → HESX1; kurzer Hals → LHX3). Panel: PROP1, POU1F1, HESX1, LHX3, LHX4, SOX3, GH1, GHRHR, OTX2, GLI2, SHH u.a.
- Kraniopharyngeom-Typisierung (CTNNB1 vs. BRAF V600E) IHC auf nukleäres β-Catenin (ACP) und BRAF-V600E (PCP). Bei unklarer Histologie oder Rezidiv-Planung: Mutationsanalyse aus OP-Gewebe (NGS). Bei PCP + BRAF V600E: BRAF/MEK-Inhibitor-Therapie möglich.
- Exomsequenzierung bei unklarer CPHD Bei negativem Panel: Trio-Exomsequenzierung. Neue Kandidatengene kontinuierlich identifiziert. Befundinterpretation komplex (Variants of Uncertain Significance); humangenetische Beratung obligat.
- Germinome – Keimzelltumor-Diagnostik Liquor AFP + β-HCG. Biopsie wenn möglich. Genetische Charakterisierung des Tumors für optimales Therapieprotokoll. Keine Keimbahnmutation bekannt.
Differenzialdiagnostik
Selläre & supraselläre Raumforderungen
| Entität | Häufigkeit (pädiatrisch) | Klinische Besonderheiten | MRT-Charakteristika | Schlüsseldiagnostik |
|---|---|---|---|---|
| Kraniopharyngeom (ACP) | Häufig (2. häufigste pädiatrische Hirntumor-Gruppe) | Kopfschmerzen + Sehstörungen + Endokrinopathie + DI. Langsamer Beginn. | Zystisch-solid; Verkalkungen (CT!); suprasellär; heterogen | MRT + CT; CTNNB1/BRAF-IHC aus OP-Material |
| Germinome (suprasellär) | Selten; aber häufigste nichtadenomatöse supraselläre Tumoren | DI als Erstsymptom (!) · Bifokale Lage (Pineal + Suprasella). Jungen häufiger. Rasch progredient. | Solid; homogenes starkes Enhancement; Hypophysenstiel-Verdickung; bifokale möglich | AFP + β-HCG (Serum + Liquor); Biopsie; Radiatio hochsensitiv |
| Rathke-Spaltzyste | Häufig (Zufallsbefund); symptomatisch selten | Meist asymptomatisch. Kopfschmerzen. Keine Verkalkungen. Selten endokrin. | Glatt begrenzt; T1-variabel; T2 hell; kein Enhancement; dünnwandig | MRT; keine BRAF/CTNNB1-Mutation; mikroskopisch Flimmerepithel |
| Optikusgliom (NF1 / sporadisch) | Häufig bei NF1 (15 %); selten sporadisch | Sehverschlechterung; Proptosis; bei NF1: Café-au-lait. Oft asymptomatisch. | T2-hyperintens entlang Sehnerven/Chiasma; T1 iso; KM variabel; kein Verkalk. | NF1-Klinik + Genetik; Ophthalmologie jährlich bei NF1 |
| Hypophysitis (lymphozytär) | Selten; autoimmun | Kopfschmerzen; Hypopituitarismus akut; DI möglich; Autoimmun-Anamnese (AIT, M. Addison) | Homogene Hypophysenvergrößerung + starkes Enhancement; Stiel verdickt; kein Tumor | Ausschluss anderer Ursachen; Biopsie selten nötig; Steroide diagnostisch-therapeutisch |
| Langerhans-Zell-Histiozytose (LZH) | Selten; multisystemisch | DI als Erstsymptom häufig; Hautbefunde; Knochen (Schädel!); Lunge; Diabetes insipidus | Hypophysenstiel-Verdickung; fehlender HHL-Spot. Schädelknochen: osteolytische Läsionen | Biopsie (Haut, Knochen); CD1a/CD207-positive Histiozyten |
| Sarkoidose | Sehr selten pädiatrisch | DI + multiple Granulome (Lunge, Lymphknoten, Augen). Neurosarkoidose. | Leptomeningeale Enhancement; Hypothalamus/Stiel-Läsionen; kein Tumor | ACE im Serum/Liquor; Biopsie; BAL (Lungensarkoidose); FDG-PET |
Differenzialdiagnose Diabetes insipidus
| Form | Pathophysiologie | ADH/Copeptin | Desmopressin-Test | Therapie |
|---|---|---|---|---|
| Zentraler DI (ADH-Mangel) | Fehlende ADH-Produktion (Hypothalamus) oder -Sekretion (HHL) | ↓ (erniedrigt) | Urinosmolalität steigt >50 % (Niere antwortet!) | Desmopressin (nasal, oral, i.v.) |
| Nephrogener DI (ADH-Resistenz) | Renale Resistenz gegen ADH (AVPR2-Mutation oder erworben) | ↑↑ (kompensatorisch erhöht) | Urinosmolalität steigt NICHT (Niere antwortet nicht) | Hydrochlorothiazid + Amilorid; Indomethacin; keine DDAVP |
| Primäre Polydipsie (Habituelles Trinken) | Exzessives Trinken → Suppression ADH → Polyurie | Normal/↓ (supprimiert durch Überhydration) | Im Durstversuch: Urinosmolalität steigt auf >600 mosmol/kg (ADH-Funktion intakt) | Verhaltenstherapie; keine DDAVP! |
Therapie
Die Therapie von Hypophysenerkrankungen und Kraniopharyngeomen erfordert eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen pädiatrischer Endokrinologie, Neurochirurgie, Strahlentherapie, Ophthalmologie, Neuropsychologie und Rehabilitation. Das Therapieziel ist: Tumorkontrolle bei maximaler Lebensqualität und minimaler Langzeitmorbidität.
Neurochirurgische Therapie des Kraniopharyngeoms
Aktuelle Therapiestrategie (Paradigmenwechsel seit ~2000): Verlassen der radikalen totalen Resektion zugunsten einer hypothalamusschonenden Strategie. Primäres Ziel: Erhalt des Hypothalamus → Reduktion hypothalamischer Adipositas. Strategie richtet sich nach HH-Score (hypothalamischer Befall im MRT). Entscheidung im Tumorboard: OP vs. primäre Radiatio.
Hypothalamusschonende Resektion (HH-Score 0–I)
Bei klar abgrenzbarem Tumor ohne hypothalamische Infiltration (HH-Score 0–I): Vollständige Resektion anstreben. Transsphenoidaler Zugang (endoskopisch) für pure selläre Tumoren. Transkranieller Zugang bei suprasellärer Ausdehnung. Ziel: R0-Resektion bei Schonung kritischer Strukturen.
Limitierte OP + Radiatio (HH-Score II)
Bei hypothalamischer Infiltration (HH-Score II): Nur partielle Resektion zur Entlastung (Zystenaspiration, Dekompression Sehnerven). Anschließend Strahlentherapie (konformale Radiotherapie, Gamma-Knife, Protonentherapie). Strategie reduziert hypothalamische Adipositas signifikant!
Intrazystische Therapie
Bleomycin (intrazystisch): zystosklerosierend bei dominanten Zysten. Interferon-α (intrazystisch): bei Rezidiv-Zysten. Stereotaktische Zystenaspiration und -drainage: Symptomlinderung vor definitiver Therapie. Strenge Indikation (Leckage-Risiko).
BRAF/MEK-Inhibitoren (papilläres KPG)
Bei BRAF V600E PCP: Dabrafenib (BRAF-Inhibitor) + Trametinib (MEK-Inhibitor) zeigen beeindruckende Tumoransprechen in Fallserien und Phase-2-Studien (>80 % partielle Remission). Mögliche Alternative oder Bridging zur OP/Radiatio. Off-label bei Kindern, aber zunehmend eingesetzt. Standardisierte Studien laufen.
Radiotherapie / Protonentherapie
Nach inkompletter Resektion oder als primäre Therapie bei HH-Score II. Protonentherapie: physikalisch günstigeres Dosisprofil (geringere Schäden an Hippoampus, Hypothalamus). Stereotaktische Radiochirurgie (Gamma-Knife): für umschriebene solide Tumoranteile. Rezidivtherapie.
Germinome – Radiochemotherapie
Germinome sind strahlensensitiv! Standard: Polychemotherapie (BEP-basiert: Bleomycin + Etoposid + Cisplatin oder Carboplatin) + Strahlentherapie (Reduktion der Strahlendosis durch vorherige Chemo möglich). Bilaterale Germinome: kraniospinale Bestrahlung. Überlebensrate >90 %!
Hormonsubstitution – Reihenfolge & Dosierungen
Obligate Therapiereihenfolge bei Panhypopituitarismus: (1) Hydrocortison (ACTH-Mangel) → (2) Levothyroxin (TSH-Mangel) → (3) GH-Therapie → (4) Sexualhormon-Substitution (LH/FSH-Mangel). Niemals L-T4 vor HC! ACTH-Mangel-Abklärung vor GH-Beginn.
| Hormonachse | Präparat | Dosierung pädiatrisch | Monitoring | Besonderheit |
|---|---|---|---|---|
| GH (GHD) | Somatropin s.c. | GHD: 0,025–0,035 mg/kg/d; post-KPG/org. GHD: 0,025–0,035 mg/kg/d | IGF-1 alle 6 Mo (Ziel: 0 bis +2 SDS); Wachstum alle 3 Mo; Knochenalter jährlich | GH-Therapie erst beginnen wenn Tumor stabil (Sicherheit!); regelmäßiges MRT Tumor-Verlauf |
| Hydrocortison (ACTH-Mangel) | Hydrocortison p.o. (tgl.) | 8–12 mg/m²/d in 3 Dosen (Morgens >Mittag >Abend) | Klinisch (Müdigkeit, Hyponatriämie); kein einfaches Labormonitoring! Cortisol-Tagesprofil | Stress-Dosierung obligat: 3× Normaldosis bei Fieber/OP/Trauma. Notfallausweis! Nie ohne Wissen absetzen! |
| Levothyroxin (TSH-Mangel) | L-Thyroxin p.o. morgens | Einschleichend: 1–2 µg/kg/d (Kleinkind: 4–6 µg/kg/d) | fT4 als Zielparameter! TSH nicht verwertbar (zentrale Hypothyreose). fT4 im oberen Drittel Normbereich | Immer NACH HC-Substitution beginnen! T4 erhöht Cortisolbedarf → Addison-Krise bei fehlendem HC |
| Östrogen (LH/FSH-Mangel ♀) | Estradiol transdermal (bevorzugt) | Beginn: 6,25 µg/24h-Pflaster; Steigerung über 2 Jahre auf 50 µg/24h | Tanner-Stadium, Uteruslänge (Sono); LH/FSH bleibt supprimiert (kein Monitor) | Östrogen verbessert GH-Wirkung! Progesteron nach Uterusentwicklung (12–24 Mo nach Östrogenstart) |
| Testosteron (LH/FSH-Mangel ♂) | Testosteronenanthat i.m. | Beginn: 25–50 mg/4 Wochen; Steigerung auf 100–250 mg/4 Wochen | Testosteron mid-normal; Knochenalter; Hoden (CAVE: Klein wenn nie stimuliert) | hCG + FSH für Fertilitätswunsch (Spermiogenese). Bei CPHD: GnRH-Pumpe möglich |
| Desmopressin (ADH-Mangel / DI) | DDAVP: nasal, oral, i.v., s.c. | Nasal: 5–20 µg/d (1–2×). Oral: 0,1–0,4 mg/d. Säugling: sehr niedrige Dosen! | Serumnatrium täglich (Einstellung), dann wöchentlich. Urinmenge. Gewicht. | Hyponatriämie-Risiko (DDAVP zu hoch)! Im Säuglingsalter: gefährlich. Intermittierendes Pausieren → osmotisch getriggerter Durst hilft Hyponatriämie vermeiden |
Diabetes insipidus – Akutmanagement
Perioperatives DI-Management nach KPG-OP
Dreiphasige Reaktion (triphasic response) nach Hypophysenstiel-OP: Phase 1: DI (1–3 Tage). Phase 2: SIADH (3–10 Tage, ADH-Ausschüttung aus degenerierenden Neuronen → Hyponatriämie!). Phase 3: Permanenter DI (wenn >80 % Axone zerstört). Engmaschige Na-Kontrolle! ICU-Setting perioperativ obligat.
DDAVP – Dosisfindung & Sicherheit
Niedrigst mögliche wirksame Dosis. „Escape"-Prinzip: täglich kurze Phase ohne DDAVP → Körper kann überschüssiges Wasser ausscheiden → schützt vor Hyponatriämie. Orale DDAVP-Tabletten (Minirin®): besser steuerbar als Nasenspray. Copeptin als DI-Verlaufsmarker zunehmend verfügbar.
Hypothalamische Adipositas – Therapieoptionen
Oktreotid (Insulinsuppression)
Somatostatinanalogon → hemmt Insulinsekretion → reduziert Adipogenese. Studien (Lustig RH et al.): signifikante Gewichtsreduktion in einer randomisierten Studie. Nebenwirkungen: Steatorrhoe, Gallensteine, GH-Suppression. Subkutan 3× täglich oder LAR (monatlich).
GLP-1-Agonisten (Semaglutid, Liraglutid)
Semaglutid (Ozempic®/Wegovy®) zeigt in Fallberichten und kleinen Serien bei hypothalamischer Adipositas Gewichtsreduktion. Wirkmechanismus: hypothalamische GLP-1-Rezeptoren für Sättigung; bei HA partiell funktionsfähig. Systematische Studien für HA laufen. Off-label bei Kindern; individuelle Entscheidung.
Metformin + Lebensstilintervention
Metformin: Insulinsensitizer; bei HA mit Hyperinsulinismus möglich; limitierte Wirksamkeit allein. Intensivierte Lebensstilintervention (Ernährungsberatung, Bewegungstherapie) unbedingt als Basis, aber alleine meistens unzureichend wegen hypothalamischem Grunddefekt.
Bariatrische Chirurgie (letzte Option)
Magenschlauchgastrektomie oder Roux-en-Y-Magenbypass: bei extremer HA (BMI >40) nach Versagen aller konservativen Optionen, ab 16–18 Jahren. Ergebnisse bei hypothalamischer Adipositas schlechter als bei genetischer Adipositas! Aber signifikante Gewichtsreduktion möglich. Multidisziplinäre Vorbereitung obligat.
Monitoring & Langzeitnachsorge bei CPHD / Kraniopharyngeom
| Parameter | Frequenz | Zielwert / Wichtigkeit |
|---|---|---|
| MRT Sellaregion (Tumorverlauf) | Alle 3–6 Mo nach OP initial; dann jährlich wenn stabil | Rezidiv-Früherkennung (KPG: 50 % Rezidiv!). BRAF V600E-Therapie-Response |
| IGF-1 (GH-Therapie) | Alle 6 Monate | Ziel: 0 bis +2 SDS. >+2,5 SDS: Dosis reduzieren (Tumorrisiko-Diskussion) |
| fT4 (zentrale Hypothyreose) | Alle 6 Monate (TSH nicht verwertbar!) | fT4 im oberen Drittel Normbereich (assay-spezifisch) |
| Cortisol 8:00 Uhr / ACTH-Test | Jährlich (organischer CPHD) oder bei klinischen Zeichen | Cave: ACTH-Mangel kann sich verspätet entwickeln (PROP1!). Stress-Dosis-Schulung jährlich auffrischen |
| Serumnatrium + Osmolalität | Täglich (post-OP) → wöchentlich (Einstellung DI) → monatlich (stabil) | Na 135–145 mmol/l. Hyponatriämie = DDAVP-Überdosierung. Hypernatriämie = DI-Durchbruch |
| Knochendichte (DXA) | Alle 2 Jahre | Osteoporose-Prävention. GH + Sexualhormon verbessern Knochendichte. Z-Score > −2 anstreben |
| Ophthalmologie | Alle 6–12 Monate (KPG) | Visus, Perimetrie, Fundus. Optikusatrophie-Progression dokumentieren. Brillenversorgung |
| BMI / Adipositas-Monitoring | Jede Vorstellung (monatlich initial nach OP) | Früherkennung hypothalamische Adipositas. Frühzeitig Therapie einleiten (Oktreotid/GLP-1) |
| Neuropsychologie / Lebensqualität | Jährlich; nach OP in ersten 2 Jahren häufiger | Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Schulleistung. Schulbegleitung. KVT bei Depression/Adipositas-psychisch |
| Sexualhormone (LH/FSH-Achse) | Alle 6 Monate; Pubertätsstatus bei jeder Vorstellung | Pubertätsinduktion, Substitution. Fertilitätswunsch frühzeitig besprechen (hCG + FSH) |
Expertenzentren & Spezialisten
Die Betreuung von Kindern mit Hypophysenerkrankungen und Kraniopharyngeom erfordert hochspezialisierte multidisziplinäre Zentren mit Expertise in pädiatrischer Endokrinologie (Hormonsubstitution, GH-Therapie), pädiatrischer Neurochirurgie (hypothalamusschonende Resektion), Strahlentherapie/Protonentherapie, Neuroradiologie, Ophthalmologie und Neuropsychologie.
Hinweis: Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Personalveränderungen möglich. Für Kraniopharyngeom: das Kraniopharyngeom-Register der GPOH-Studie KRANIOPHARYNGEOM 2000/2007 unter www.kraniopharyngeom.de vermittelt spezialisierte Zentren. CPHD/GHD: www.dgked.de und ENDO-ERN.
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
Institut für Experimentelle Pädiatrische Endokrinologie
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
Dr. von Haunersches Kinderspital
Klinik für Neurochirurgie – Hypophysenzentrum
Klinik für Neurochirurgie
Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin
Hannover
Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin
Hannover
Sektion Pädiatrische Endokrinologie
Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde (AKH)
Univ.-Klinik für Pädiatrie
Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde
Univ.-Klinik für Pädiatrie
Universitätsklinik für Kinderheilkunde
Universitätsklinik für Kinderheilkunde (PEDENDO)
Abteilung Onkologie / Neuroonkologie
St. Gallen
Fachgesellschaften, Register & Ressourcen
KRANIOPHARYNGEOM-Studie (GPOH)
Deutsches HIT-ENDO-Register (Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie). Spezialisierte Zentren, Therapiestandards. www.kraniopharyngeom.de
DGKED (Deutschland)
Deutsche Gesellschaft für Kinderendokrinologie und Diabetologie. GH-Therapie-Richtlinien, Hypophysen-Leitlinien. www.dgked.de
ESPE (Europa)
European Society for Paediatric Endocrinology. GHD-Konsensus, CPHD-Leitlinien, Kraniopharyngeom-Guidelines. www.eurospe.org
Pituitary Society (International)
Internationale Hypophysengesellschaft. Leitlinien für Hypophysenadenome, GH-Therapie adult, CPHD. www.pituitarysociety.org
ENDO-ERN (EU)
EU-Referenznetzwerk seltene endokrine Erkrankungen. CPHD als seltene Erkrankung erfasst. Zentrumsvermittlung. www.endo-ern.eu
Kraniopharyngeom-Selbsthilfe (D)
Patientenorganisation und Selbsthilfegruppe für Kraniopharyngeom-Betroffene. Vernetzung, Beratung, Information. Kontakt über GPOH / kraniopharyngeom.de
ANSWER / KIGS GH-Register
Internationales GH-Therapieregister. Langzeitdaten pädiatrischer GH-Therapie inkl. organischem GHD. www.answerstudy.com
ÖGKJ / SGKJEP
Österreichische / Schweizerische pädiatrische Gesellschaften. AG Endokrinologie & Hypophyse. www.oegkj.at / www.sgkjep.ch